Donnerstag, 5. Januar 2012

Holger

Ich hatte kürzlich das seltsame Vergnügen mit einem Mann in eine Diskussion hineinzuschlittern, wo es um Monogamie und Treue ging. Mein Gegenüber empfand Frauen, die Treue für unabdingbar halten und feste, monogame Beziehungen suchen, als langweilig, realitätsfremd und er wollte nur ficken, ohne Verpflichtung, ohne Ansprüche, ohne Tammtamm. Yo, dachte ich, schön für dich, warum genau erzählst du mir das?!

Er beschwerte sich darüber, dass Frauen ihn wegen seiner Ansicht ständig anfeinden würden, als wäre er Hitler. Und ich denke, ah, Godwin, jetzt geht's los. Als er schließlich wissen wollte, warum mir bitte Treue denn so verdammt wichtig wäre (offenbar sagte ich zuvor etwas vergleichbares), sagte ich, weil ich finde, dass ich, egal, um welche Art von Beziehung es sind handelt, gerne rechtzeitig ein paar Regeln abstecke. Egal, ob es eine feste Beziehung ist, eine Affäre, oder das, was der gemeine Plebejer eine Fickbeziehung nennt. So, dass jeder weiß, was der andere will oder nicht will, und man weiß, woran man ist.

Er rutschte auf dem Stuhl hin und her und funkelte mich böse an, während ich den Blick nach meinem besten Freund schweifen ließ, der mir vor zwanzig Minuten ein Bier holen wollte. Ich entdeckte ihn am Tresen, den Blick konzentriert auf die prallen Brüste einer 18-jährigen Blondine gerichtet. "Penisse." murmelte ich genervt und merkte erst jetzt, dass mein Gegenüber sich in Rage redete und mich irgendwas mit "Was mir das bringt" gefragt hatte.

Ich seufzte und erläuterte, dass ich es einfach nicht mag, wenn ich nicht weiß, wo der Schwanz, ich meine, der Mann sein Ding sonst so überall reinsteckt. Bzw. ob er dies tut.

Mir ist es völlig egal, wenn Männer mit jeder Ische schlafen, die für eine Sekunde mal nicht aufpasst, weil sie gerade ihre ganze Konzentration braucht, um den Kajal nachzuziehen. Mir ist auch total pups, wenn Männer in den Puff gehen oder sich jeden Freitag Abend zum Wochenausklang einen Blowjob im Auto leisten wollen. Mir ist ebenfalls egal, mit wievielen Partnern jemand im Jahr schläft. Männlein wie Weiblein. Es ist mir so gleichgültig wie.. wie.. da! Es gibt nichts, was mir so gleichgültig ist, sooo dermaßen kackfurzegal ist es mir, was jemand anders in seinem Schlafzimmer, im Auto oder einer dunklen Kabine im Sexkino macht. Weil mir einfach grundsätzlich, generell und immer egal ist, was andere Menschen machen.

Was mir nicht kackfurzegal ist, ist Ehrlichkeit.

Liebe Herren der Schöpfung.

Wenn ihr viel rumvögeln wollt, dann macht es. Aber erzählt keinen Scheiss. Steht doch dazu. Es gibt genügend Weiber, die ähnlich denken, ihr müsst keinen Damen erzählen, dass ihre Augen so tiefblau wie der Ozean sind, dass ihr Lächeln betörend ist und dass man sie den Eltern vorstellen will, nur um sie ins Bett zu kriegen. Unnötig. Soooo unnötig.

Wenn ihr's dennoch macht, macht ihr's nicht, weil ihr unverbindlichen Sex wollt, sondern weil ihr darauf steht, Menschen zu verscheissern und ihr euch dann später noch einen abwichsen könnt, weil die dumme Schnalle euch geilem Hengst geglaubt hat. Und DAS ist dann ziemlich Hitler. Und selbst der hat am Ende seine Eva ja zumindest geheiratet.

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Mein Gesprächspartner, dessen Name mit P begann, oder H oder K, es war irgendein Konsonant und ich nannte ihn gedanklich einfach nur Holger, also Holger wurde immer fuchsiger und schwafelte etwas davon, dass ich also durch ein Treueversprechen wüsste, wo der Mann überall sein Ding reinsteckt. Ich schaute Holger an und stellte mir vor, wie sein kleines Gehirn in seiner Schädeldecke hin und her schwappt. Hin und her. Hin und her. Wie ein Boot auf hoher See. Hin und her.

Ich konnte mich nicht daran erinnern, wie dieses Gespräch angefangen hatte oder warum es überhaupt angefangen hatte oder warum Gott mich so hasste. Ich musste irgendetwas schlimmes in der Vergangenheit gemacht haben, um so etwas zu verdienen. Vielleicht war ich ja Hitler.

"Sagtest du Hitler?" fragte Holger.

Ich blickte ihn an, dachte, ach fuck, du bist ja immer noch da, schüttelte den Kopf und stand auf.

"He, wo willst du hin." fragte er "Du schuldest mir noch eine Antwort. Wohin gehst du?"

Ich wusste es nicht, aber da draußen fuhr gerade eine Tram vorbei und wenn ich mich noch beeilen würde, könnte ich mich noch vor sie schmeißen. Alles schien mir besser, als mit einem Menschen, der einfach nur hören wollte, dass er Recht hatte, weiter reden zu müssen.

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Männer, die Frauen von ihrem Wunsch nach Monogamie bekehren wollen - generell gesellschaftlich genauso beliebt wie Vegetarier und fundamentalistische Christen. Und sie landen in der Hölle vermutlich auch alle in derselben Abteilung.

Aber ich hatte an dem Abend zumindest eines gelernt:

Niemals mit dem besten Freund einen trinken gehen, wenn der gerade wieder Single geworden ist.

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