Dienstag, 17. Januar 2012

Der Schmodder an der Schuhsohle des Universums

Wissen Sie, was ich noch weniger leiden kann als Christen, die sich nicht christlich verhalten?

(Und bevor Sie fragen: Ja, es gibt tatsächlich Menschen, die rangmäßig noch darunter flanieren. Sonst wäre dieser Post ja auch an dieser Stelle schon wieder zu Ende.)

Ich rede von Misanthropen, die sich nicht misanthropisch verhalten.
Offenbar ist es in diesen Tagen zur Modeerscheinung geworden zu misanthropieren. Es ist beinahe schick und damit so unerträglich wie der Anblick eines Berliner Hipsters, der den Altkleidercontainer aus Köln-Ehrenfeld seinen Kleiderschrank nennt.

Es ist Donnerstag. Ich befinde mich in einer Berliner Bar, die zum Bersten voll ist. Vor mir ein Mitglied meiner eigenen Spezies, die mir gerade gesagt hat, sie sei ja auch extrem misanthropisch. Sie lacht dabei und berührt mich am Arm. Ich betrachte sie stumm und frage mich, ob es nicht ein fundamentaler Fehler des deutschen Schulsystems war, Altgriechisch nicht mehr in der Schule zu unterrichten und die Menschen vielleicht einfach nicht mehr wissen, was dieses Wort bedeutet. Da ich mutmaße, dass der durchschnittliche Homo sapiens auch schlicht zu doof ist, das Wort entsprechend zu googeln (das h hinter dem t ist aber auch tricky..) und bei Wikipedia nachzulesen, zu welcher illustren identitätsstiftenden Gruppe er sich da eigentlich zählt, kann das fehlende Wissen auch nur scheinbar schwerlich wieder nachgeholt werden.

Aber zur Not bin ich ja auch noch da:

Misanthropie (von griech.μισεῖν miseinhassenἄνθρωπος anthrōposMensch) beschreibt die Haltung und Einstellung einer Person, welche den Menschen an sich verachtet oder hasst, also eines Misanthropen (dt.„Menschenhasser“).

You're welcome.

Ich habe im süßen, unschuldigen Alter von ca. acht Jahren angefangen meine ersten misanthropischen Gedanken zu hegen. Ich spazierte mit meinem Großvater durch den Wald und meinte, nachdem ich seit Monaten über diesem Gedanken gebrütet hatte, zu ihm, dass, wenn die Menschen die einzigen Lebewesen sind, die sagen, sie seien die Krone der Schöpfung, das wohl nicht sehr objektiv sein kann.

Das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Alles, was ich von da an sah, las oder auch nur hörte, verstärkte in mir den keimenden Verdacht, dass meine Spezies nicht mehr als der Schmodder an der Schuhsohle dieses Universums sein musste.
Vor allem die Schulzeit tat da ihr übriges. Im Unterricht wurden die Kreuzzüge durchgenommen, blutig niedergeschlagene Revolutionen, la Grande Terreur, Weltkriege, Endlösung, die Roten Khmer, Ruanda...

Und neben mir zarte Mädchenwangen, die sich vor Entrüstung rötlich färbten. Tränen, die angesichts der (Weh, oh, Weh!!) Ungerechtigkeit in der Welt, auf Seidenblüschen tropften. Nur damit die dazugehörigen Münder in der Pause sich eben diese zerrissen und Mobbing auf eine neue Evolutionsstufe erhoben. Und ich stand an der Seite, wie ein Soziologieprofessor, aß ein Schokocroissant und versuchte nicht im Strahl zu kotzen.

Mich erfüllt, denke ich an diese Spezies, die ich als einen ganz fürchterlichen Unfall der Natur betrachte, vorrangig Widerwillen. Sicher. Der Mensch hat viel Schönes hervorgebracht.

Ohne den Menschen gäbe es keinen Vanille-Vla.

Ohne den Menschen gäbe es aber auch nicht die Niederlande.

Ohne den Menschen gäbe es nicht so großartige Bücher wie In Cold Blood.

Ohne den Menschen wäre der Mord an den Clutters aber auch nie geschehen.

Ein gegenseitiges Aufwiegen der Vor- und Nachteile ist eine Zeitverschwendung, der ich mich nicht hingeben mag.

Ich möchte gar nicht, dass alle Menschen Misanthropen sind. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn sich Christen dazu entschließen würden, sich endlich auch mal christlich zu verhalten, würde ich sogar dafür plädieren, dass wir alle Christen werden sollten. Katholiken natürlich. Alles andere ginge dann doch zu weit.

Misanthropie ist keine Religion. Es gibt keinen Papst, der auf seinem Thrönchen sitzt und dem regelmäßig irgendwelcher allgemeingültiger Schmonsens aus seinen Gehirnwindungen purzelt.

Aber dennoch gibt es, na, nennen wir es Regeln, wenn man von sich selbst sagen möchte, man sei Misanthrop.

So wie man an Gott und seinen Burschi glauben sollte, wenn man Christ ist, so wie man als Veganer keine tierischen Produkte essen sollte und als Pädophiler Kinder fickt, gibt es auch für Misanthropen gewissen Bedingungen, die diese erfüllen sollten.

Im Grunde gibt es nur eine Bedingung.

Und die ist sogar recht einfach.

Wenn du Misanthrop bist, dann hängst du nicht jeden verschissenen Abend in irgendwelchen Bars und Kneipen rum, hast nicht das ständige Bedürfnis "Freunde" zu treffen, neue Menschen kennenzulernen, mit ihnen zu sprechen, sie am Arm zu fassen oder sie am Ende zu umarmen.

Warum?

Weil. Du. Menschen. Nicht. Magst! 

Du unterbelichteter Schlumpf.

Herrje.

Misanthropes

In diesem Sinne: Wenn ihr mich mal da draußen seht, missmutig durch Berlin schlurfend, fasst bitte meinen Arm nicht an. Danke.

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