Dienstag, 20. Dezember 2011

'sch promoviere

Manchmal glaube ich "normale Familien" gibt es nicht. Überall, wohin ich sehe, proklamiert ein jeder, dass seine Familie die meschuggenste von allen sei. Es wird geradezu ein Wettkampf ausgetragen und mit viel Elan und Emphase alle Neurosen und Psychosen der einzelnen Familienmitglieder aufgezählt, um sich gegenseitig zu übertrumpfen. Als Preis gibt es am Ende das mitleidige Kopfschütteln der anderen, die nonverbale Zustimmung "Ja, scheisse, dir geht es von uns allen wirklich am schlimmsten."

Es wäre nun ein leichtes für mich aufzuzählen, warum meine Familie die gestörteste ist, warum ich euer Mitgefühl und zustimmendes Kopfnicken am ehesten verdiene, aber es ist Weihnachten und ich möchte nicht Gefahr laufen, dass sie das hier lesen und ich keine Geschenke bekomme.

Ich fliege morgen nach Hause. Für eine Woche. Und ich freue mich. Denn trotz allem mag ich meine Familie. Das einzige, was ich nicht mag, ist mit ihnen über mein Leben zu reden. Denn es gibt nunmal den unzerstörbaren Irrglauben in meiner Familie, dass ebendieses zur Diskussion stünde.

Schnell kann ein harmloses "Wie läuft's bei dir?" zu einer stundenlangen Schlacht über potentielle Fehlentscheidungen meinerseits führen, die damit endet, dass irgendjemand* mit hochrotem Kopf, vor Wut heulend und Vulgäres vor sich hinbrummelnd fluchtartig das Haus verlässt.

(*ich)

Nun befinde ich mich ja Gott sei Dank theoretisch in der Situation, dass ich, auf die Frage "Und was machst du jetzt in Berlin?", mit "'sch promoviere!" antworten kann. Das hält einem die Geier vom Leib. Vielleicht lasse ich mir auch noch ein T-Shirt bedrucken, auf dem 'sch promoviere steht, dann muss ich beim Heiligabendgelage zum Beantworten der Frage nicht runterschlucken und kann, munter weiterkauend, mit dem Besteck auf meine Brust deuten. Ich deute gerne auf meine Brust.

Es gibt nur ein Problem, das dem treuen Blogleser sicherlich nicht verborgen geblieben ist.

Denn in meinem Köpfchen hat sich der kleine Zweifel festgezeckt. Der kleine Zweifel ist der kleine Bruder des kleinen Hungers und ist von ähnlich nervtötender Natur. Der kleine Zweifel sitzt in meiner Großhirnrinde und knabbert, wie ein stoischer Koala an seinem Eukalyptus, an meinen Synapsen herum. Tag für Tag wächst der kleine Zweifel, wodurch er durchaus dann doch mehr Ähnlichkeit mit einem Tumor als mit einem Koala hat. Inzwischen ist der kleine Zweifel ziemlich groß und ich beginne hin und wieder, zögerlich noch, meine Zweifel laut kundzutun. Da der kleine Zweifel sehr nuschelt, sind meine Ausführungen zur Frage "Und was willst du stattdessen machen?" dementsprechend verworren und konfus.

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Dabei ist die Antwort eigentlich, in der Theorie, simpel. Sie lautet: "Was mit Kunst." Das Problem ist die altbekannte Folgefrage, die da heisst: "Aha. Und wie willst du davon leben?", die ich nur mit einem naiv-ahnungslosen Schulterzucken beantworten kann.

Und dennoch.

Es muss getan werden. Es kann nicht länger warten. 29 Jahre lang habe ich Dinge getan, für die ich nur ein mäßiges Interesse hatte. 29 Jahre reichen aus. Meint zumindest der kleine Zweifel.
Also muss es anders werden.

Es muss einfach.

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