Freitag, 9. Dezember 2011

Kumbaya

Wie es sich für einen oberflächlichen, besserwisserischen und die Fehler anderer ankreidenden Menschen gehört, bin ich natürlich katholisch. Genauer gesagt, war ich es. Ich wollte schon zu Schulzeiten aus der Kirche austreten, aber da ich mich auf einem erzbischöflichen Mädchengymnasium befand und man mir auf charmant-faschistoide Art versicherte, ich würde von der Schule fliegen, wenn ich derlei Ungehöriges täte, verschob ich es auf die Zeit nach dem Abitur.
Dass die Sache mit von-der-Schule-fliegen eine eiskalte Lüge war, kam später heraus und landete neben der Jungfrauen-Sache, Kreuzzügen, Inquisition und Kondompolitik mit auf der Liste der illustren Dinge, die als Gründe dienten, dem Verein den Rücken zu kehren.

Ich habe bis heute immer noch Kontakt zu aktiven Mitgliedern, die den Absprung nicht geschafft haben und die mir nicht selten versichern, dass ich zwar nun keine Kirchensteuer bezahlen müsste, ich aber so oft ich will aus der Kirche austreten kann, ich dennoch katholisch bleibe, bis es dem Papst oder einer sonstigen robentragenden Person reicht und ich exkommuniziert werde. Soll heißen: Ich kann nicht austreten, ich kann nur ausgetreten werden.

Und im Grunde meines Herzens bin ich auch katholisch geblieben.

Das bedeutet natürlich vor allem zwar die Botschaft unseres Herrn Jesus Christus zu kennen, aber nicht nach ihr zu leben. Soweit ich das verstanden habe, ist das die Kernessenz der Katholisch-Römischen Kirche und das kommt mir sehr gelegen, da ich natürlich unfassbar gerne wegen Armut, Ungerechtigkeit etc. etc. sehr, sehr betroffen bin und anderen Menschen schildere, was man unternehmen müsste, um das zu beheben, aber natürlich nicht wirklich die Zeit habe, um das dann auch selbst zu machen. Mein Geschirr spült sich nicht von alleine. Sollen sich doch bitte andere darum kümmern. Ich kann schließlich nicht alles machen.

Eine weiterer Kernpunkt der Katholischen Kirche ist natürlich der Widerwillen, die Abscheu und, ja, man möchte es fast puren Hass nennen, gegenüber diesen schismenzelebrierenden Freizeitvereinen, die da sonst noch so in der Welt vor sich hin glauben und beten. Denn das ist der Haken bei Religion: Toleranz ist bei einer Sache, die einen Alleinvertreter-Anspruch vertritt, jetzt nicht unbedingt erwünscht.

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Man kann nicht glauben, dass die Römisch-Katholische Kirche in Besitz der Wahrheit ist UND gleichzeitig sagen: "Hm. Die Mormomen haben aber vielleicht auch Recht."

Das ist so, als wenn Hitler sagen würde: "Wir sind die Herrenrasse. Aber die Russen sind es vielleicht auch, so genau kann ich das jetzt gar nicht sagen."

Jetzt möchte ich natürlich den Papst und Hitler nicht in einen Topf schmeissen, ich bin sicher, das erledigt Satan später, wenn sie in der Hölle aufeinandertreffen schon alleine. Ich stelle mir das wie eine muntere Bouillabaisse von allen Päpsten und sonstigen Massenmördern der Geschichte vor, die nun jahrtausendelang gemeinsam vor sich hinköcheln.

Nun, ganz offenbar bin ich kein Freund der katholischen Kirche. Dennoch bleibe ich in meinem Herzen katholisch. Wenn militante Atheisten meinen Weg kreuzen und mir geifernd Bibellügen aufzeigen, ohne jemals von der Septuaginta und anderen Spaßigkeiten gehört zu haben, ziehe ich gedanklich meine Bernardo-Gui-Maske an und suche schon mal die Streichhölzer für den Scheiterhaufen.

Es ist seltsam, wie wenig man nach all den Jahren doch aus seiner Haut kann. Oder will. Ich bin ein leidenschaftlicher Agnostiker, aber sobald ich Protestantenfleisch auch nur rieche, greife ich instinktiv nach meiner Handtaschenmachete.

Ich weiß im Grunde nichts über Protestanten. Und das muss ich auch nicht. Das ist das Vorrecht des Katholiken. Ich muss nur wissen, dass der Protestant wie alle Reformationsjünger ein freches Ding ist, das sich weigert Stiefel und Ring des Papstes zu lecken.

Wir hatten bei uns an der Schule auch evangelische Schülerinnen. Ich vermute, die Rektorin wurde erpresst, anders kann ich mir das nicht erklären. Und während wir einmal die Woche in die schuleigene Kirche zum schuleigenen Pfarrer pilgerten, um auf unseren wunden Knien unsere Unwürdigkeit gegenüber Gott zu versichern, saßen die Protestanten im Theatersaal im Kreis um einen Flügel, sangen Kumbaya und hatten sich ganz furchtbar lieb.

Das ist doch keine Religion.

Eine Religion funktioniert doch nicht durch Liebe.

Vor allem nicht die christliche.

Sie funktioniert durch Furcht!!

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Ich weiß, Jesus hat sich bei der Bergpredigt vielleicht ein wenig missverständlich ausgedrückt, aber Gott sei Dank haben die nachfolgenden Päpste das wieder ins rechte Licht gerückt.

Päpstliche Unfehlbarkeit for the win!

Ich werde auch weiterhin Agnostiker bleiben, wobei ich bei jedem Buch von Richard Dawkins mehr und mehr spüre wie ich hinüber auf die endgültige gottlose, dunkle Seite gleite. Ich werde weiterhin über den Papst fluchen. Ich werde weiterhin unwissenden Atheisten Nachhilfe in Kirchengeschichte geben. Ich werde weiterhin über jene den Kopf schütteln, die gläubige Mitglieder der katholischen Kirche sind. Ich werde weiterhin die evangelische Kirche als Freizeitverein bezeichnen.
Und ich werde all dies gleichzeitig tun.

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