Dienstag, 27. Dezember 2011

Ich kann nicht anders

Der Geschichtsunterricht an meinem Gymnasium war eine Farce. Und das ist noch freundlich ausgedrückt. Ich weiß nicht, ob es an meinem Geschichtslehrer selbst lag oder an mangelnder Absprache innerhalb der Schule. Wir nahmen gefühlte fünfzehn Mal die Französische Revolution durch, etwa sieben Mal den Ersten Weltkrieg und geschätzte 7.924-mal den Zweiten Weltkrieg. Ansonsten lauschten wir hauptsächlich Urlaubsmonologen unseres Lehrers Rudolf R., der versuchte die ihm beim Ägyptenurlaub angedrehten Papyruszeichnungen an uns weiter zu verkaufen.

Dementsprechend hegte ich spätestens ab der Mittelstufe eine gewisse Abneigung gegen Hitler und alles, was mit dem Seitenscheitel zusammenhing. Jetzt ist es generell nicht schlecht, sondern eher erstrebenswert, eine gewisse Abneigung gegen Hitler zu entwickeln. Aber wie fast jeder in meiner Generation wurde ich regelrecht überfüttert mit diesem Thema und begann automatisch mit den Augen zu rollen, wenn jemand in Hörweite was von der NSDAP, Polenfeldzug, Stauffenberg oder Holocaust sagte.

Die Generation, die es noch betraf, schwieg es tot.

Die nächste redete das Thema zu Grabe.

Und die jetzige fragt sich, warum es, wie ein Zombie, immer und immer aus eben diesem Grabe aufersteht und nicht endlich liegenbleibt.

Ich weiß nicht mehr, wieso oder wann es passierte, aber irgendwann begann sich meine Einstellung zu diesem Thema zu ändern. Die Gesichter bekamen Namen, zu den Namen gesellten sich ihre Geschichten und plötzlich waren es keine Unbekannten mehr, es waren greifbare Menschen und ihre Geschichten glichen nicht denen von anderen.

Da war kein Zauber der Vergangenheit, kein Pathos, keine Mythen, keine gordischen Knoten, die durchschlagen wurden, kein Häuflein mutiger Griechen, die sich an den Thermopylen todesmutig den Persern entgegen stellten, keine Vipern, die an wogende Pharaonenbrüste gedrückt wurden.

Da waren nur Menschen. Gewöhnliche Menschen. So durchschnittlich, so normal, dass sie beinahe farblos wirken. Durchschnittliche Menschen die auf andere durchschnittliche Menschen trafen. Geronnenes Blut auf nacktem Asphalt. Pistolenschüsse, die die Stille eines Ghettos durchrissen. Tuckernde Automotoren, die Abgase ins Innere pumpten. Der Geruch von verbranntem Fleisch in der Luft. Haufen von blassem, weißen Fleisch auf noch mehr blassem, weißen Fleisch. Leblos. Kafkaesk. Albtraumhaft. Zwölf Jahre, die die Abgründe einer Spezies bloßlegten, wie es rund 3.000 Jahre menschliche Geschichte zuvor nicht geschafft hatten.

Dieses Thema interessiert mich nicht, weil ich Deutsche bin.

Ich bin nicht Atlas, ich trage nicht die fleischgewordene Schuld eines Volkes auf meinen Schultern.

Es gibt eine derartige Schuld nicht.

Es gibt nur das Entsetzen, wozu meine eigene Art fähig ist. Und meine ureigenste Eigenschaft immer wieder aufs Neue entsetzt zu sein, dass die Evolution etwas hervorgebracht hat, was dermaßen gestört sein kann.

Nichts, was ich jemals tun würde, würde daran etwas ändern. Weil der Mensch sich nicht ändern kann. Er ist was er ist. Ein Wolf. Und ein Lamm zugleich.

Irgendwann, in einigen hundert Jahren wird die Shoa mit denselben Blicken betrachtet wie das Massaker Alexanders an den Thebanern, wie die Pogrome im Mittelalter. Als etwas unwirkliches in der Vergangenheit. Nebulös. Abstrakt. Etwas was unbekannten, namenlosen Gesichtern passierte.

Auch dann wird man noch wissen, wer Adolf Hitler war.

Doch niemand wird wissen, Wikipedia hin oder her, wer Mala Zimetbaum war.

Wir tragen nicht die Schuld an der Shoa.

Wir tragen lediglich die Schuld, dass die Menschen dahinter vergessen werden.

Und das ist vermutlich der Grund, der einzige, warum ich mich nicht so einfach entscheiden kann, die Dissertation hinzuschmeissen. Weil ich diese Menschen kenne. Ihre Gesichter, ihre Geschichten, ihren Alltag, ihr Leben, ihr Leiden, ihren Kampf, ihre Entschlossenheit, ihren Mut. Ihnen den Rücken zu kehren, mich anderen Dingen zu widmen, dem Hier und Jetzt, fühlt sich für mich falsch an.

Und ich kann nichts gegen dieses Gefühl tun.