Dienstag, 13. Dezember 2011

Cowardritis

Ich mag Geschichte.

Solange ich denken kann, mochte ich Geschichte.

Mit sieben war Quo Vadis mein Lieblingsfilm und wochenlang lief ich freudig salutierend durch Bonn - bis meine Mutter es verboten hat, weil mich die Leute für einen sehr kleinen Nazi im Micky-Maus-Pulli hielten.

Mit vierzehn wusste ich mehr über Ramses II. und Lee Harvey Oswald als meine Familie oder sonstige Menschen, die ungefragterweise meinen Weg kreuzten.

Mit einundzwanzig verbrachte ich die Pausen in der Berufsschule nicht mit den anderen Hochbegabten (har!) rauchend auf dem Hof, sondern allein auf dem Flur in Nazibiographien lesend. (Ja, ich hatte da nicht viele Freunde.)

Dass ich also Geschichte studierte, war nicht wirklich eine Überraschung.
Wenn ich während des Studiums dieses illustren Faches dann gefragt wurde, was man denn damit machen kann, sagte ich stets: "Alles. Und nichts."
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Dann war ich nach gefühlt 49 Semestern fertig mit dem Studium und dachte: "Ja. Puh. Und nu'?!"
 
Die Sache mit dem Promovieren war da irgendwie ein Selbstläufer. Ich habe mich seit Jahren mit fast nichts anderem als der Shoa beschäftigt, habe mein Herzblut in den jüdischem Widerstand gesteckt und mit nem 1-er Examen hatte ich auch nicht die schlechtesten Voraussetzungen. Es schien die logische Konsequenz.

Aber vor allem schien es eine so wundervoll einfache und alle, wirklich alle zufriedenstellende Antwort:

"Und was machst du nach dem Studium?"

"Ich mache meinen Doktor und werde dann Koryph.. Chorifä.. hier.. dings.. einer, der sich extremst super mit was auskennt."

Also zog ich nach Berlin. Eigentlich nicht wegen der Promotion, aber es war der perfekte, offizielle Vorwand. Denn "Weil ich Sonntags so gerne über den Mauerpark flaniere." gilt in meinen Kreisen anscheinend nicht als akzeptabler Grund nach Berlin zu ziehen.

Ignorantes Pack.

"Weil ich meine Dissertation über Nazis schreibe und es in Berlin mehr Einrichtungen, Museen und Archive dazu gibt." hingegen scheint in Ordnung zu sein.

Elitäres Pack.

Nun bin ich hier. In Berlin. Seit August. Und seit November bin ich offizielle Doktorandin der Uni Potsdam. Alles gut, oder?!

Oder?!

ODER??!!?!

Ich könnte mich nun für ein Stipendium bewerben, innerhalb von drei Jahren das Ding runterreißen, anschließend ein Volontariat in einem großen historischen Museum absolvieren, mich von da an von Zeitvertrag zu Zeitvertrag hangeln und gleichzeitig gegen Wände laufen, um in der deutschen Forschung dem Thema Jüdischer Widerstand den Platz zu verschaffen, den er verdient, bevor ich mich dann mit sechzig, wie Joseph Wulf, verbittert und enttäuscht, aus dem Fenster stürze.

Yeah.

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Ich weiß, dass kommt jetzt alles ein wenig unerwartet: Aber isch möschte das nischt.

Ich kann mich immer noch stunden- und tagelang mit meinem Dissertationsthema beschäftigen ohne müde zu werden, ohne dass es mir langweilig wird, ohne dass ich das Interesse an den Menschen dahinter verliere, aber der Rest?!

Da könnte ich auch gleich morgen zum Tierarzt gehen und ihn bitten mich einzuschläfern. Das erspart mir doch vieles. Und die Putzkolonne, die mich sonst 2042 vom Bürgersteig kratzen darf, wird es mir ohnehin ewig danken.

Ich habe eigentlich eine recht unkomplizierte Sichtweise aufs Leben. Natürlich mag ich Geld und materielle Dinge. Ich habe schließlich ein iPhone und wenn ich hier einen auf Askese machen würde, wäre das schlicht unglaubwürdig.

Aber ich halte diese Dinge nicht für das, was einen glücklich machen. Langfristig. Wenn ich etwas mache, dann muss das für mich immer einen Sinn haben. Einen langfristigen.

Deswegen umgebe ich mich nicht mit Menschen, die ich nicht mag.

Ich lese kein Buch weiter, dass mich im ersten Kapitel nicht fesselt.

Ich esse kein Gericht auf, dass mir nicht schmeckt, nur weil es gekocht wurde und es nun da ist.

Das Leben ist zu kurz für diesen Firlefanz.

Das Leben ist zu kurz für Dinge, die einem keine Freude bereiten.

Ich weiß, ich blogge nicht zum ersten Mal über dieses Thema, aber als ich heute im Zug saß, zwei Stunden lang, und durch die dunkle Einöde Brandenburgs gen Potsdam zu meinem Doktorvater fuhr, der nicht da war, ist ja auch egal, es war ja nur ich, und ich dann wieder zurück fuhr durch Mordor, ich meine Brandenburg, und ich drei Kaninchen und eine Katze dabei beobachtete, wie sie versuchten, sich das Leben zu nehmen, da dachte ich nicht Das Leben ist zu kurz.

Ich dachte: Mein Leben ist zu kurz.

Ich springe aktuell zwischen mindestens vier verschiedenen Projekten hin und her und kann mit viel Glück und ganz viel Fantasie von einem erfolgreichen Tag sprechen, wenn ich es geschafft habe Geschirr zu spülen.

Tausend Baustellen.
24 Stunden.
100% Unzufriedenheit.

Und das stets mit der heisernen, flüsternden Stimme im Köpfchen, die mich wieder und wieder fragt: "Was zur Hölle machst du da eigentlich?"

Und die Antwort ist: "Scheisse. Ich habe keine Ahnung."

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Zum ersten Mal in meinem Leben könnte ich das machen, was ich möchte. Es ist auch nicht so, als wüsste ich nicht, was ich gerne täte.

Aber allein schon die Menge an Konjunktiven in diesem, letzten Satz verrät die Problematik. Ich leide an akuter Cowardritis. Ich fürchte mich so sehr davor zu scheitern, dass ich mich selbst daran hindere, es zu versuchen. Und dann bemitleide ich mich ganz fürchterlich, was nach einiger Zeit ein wenig fad wird, aber nicht so fad, dass ich deswegen damit aufhören würde. Und dann ist schon wieder ein Monat rum und ich dem Moment, in dem ich an Komplikationen während meiner Hüftoperation sterbe, wieder einen großen Schritt näher.

Worauf warte ich?

Auf eine Offenbarung?

Eine Epiphanie?!

Muss ich erst im Wedding in den Lauf einer Waffe blicken, um wahrhaft zu erkennen, dass das Leben kurz ist, muss ich erst fast von einem Bus überfahren werden, um zu verinnerlichen, dass ich jetzt leben muss?!

Gut, ich lebe in Berlin. Falls ich mich diesen Winter noch einmal entschließen sollte das Haus zu verlassen, könnte ich beide Situationen vermutlich innerhalb eines Tages erleben. Aber muss ich das? Braucht es erst eine Nahtoderfahrung, um meinem (theoretischen) Lebensmotto "If it makes you happy, do it. If it doesn't, then don't." endlich auch entsprechende Taten folgen zu lassen? Warum brauche ich einen Anlass?

Nur weil es verpönt ist zu scheitern?

Wieso eigentlich?

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Woher kommt diese Furcht vor dem Scheitern?

Ich weiß es nicht.

Ich weiß nur, nach heute habe ich diese Furcht nicht mehr.

Ich war in Brandenburg. Ich habe den Abgrund der Welt gesehen. Ich fürchte nichts mehr.

Die Frage ist nun, ob die Furchtlosigkeit morgen noch da ist oder ob ich jetzt jeden Tag nach Brandenburg fahren muss.

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