Montag, 7. November 2011

Nostalgie ist was für Pussies

Ich denke, der meist gehörte Satz in meiner Jugend war: "Genieß diese Zeit. Du wirst sie dir noch zurückwünschen."

Der meist gedachte Satz war übrigens: "Halt die Fresse." Rein zufällig traten beide Sätze oft zeitlich kurz hintereinander auf, aber wie gesagt, das war reiner Zufall.

Inzwischen weiß ich natürlich, was diese Menschen, die diesen Satz vollgepackt mit unendlicher Weisheit ungefragt von sich gaben, mir sagen wollten.

Sie sprachen vom Arbeiten, von Kollegen mit denen man reden muss, oder vom Arbeitslos-sein und den suizidsteigernden Freuden des Jobcenters, von RTL-Sendungen, von Renten- und Lebensversicherungen, Kontoauszügen aus der Hölle, von der FDP, dem TÜV und der sadistischen Natur des Autos kurz vor selbigem kaputt zu gehen, vom Bügeln und generell einem Dasein ohne Spülmaschine. Sie sprachen von ihrem Leben, das offenbar unfassbar scheisse ist und aufgrund der Natur der gemachten Aussage auch bei jedem zwangsläufig so enden muss.

Die Krux bei der Sache ist nur, dass man eben eine Zeit ohne diese Dinge erst genießen kann, wenn man sie vorher durchleiden musste.

Natürlich kann ich Sätzen wie "Sei froh, dass du keine Syphilis hast!" die Information abgewinnen, dass Syphilis eine eher unangenehme Sache ist, dennoch weiß ich erst, wovon die Person spricht, wenn ich sie selbst gehabt habe und dementsprechend erleichtert sein kann, wenn ich sie wieder los bin.

Genauso wie ich natürlich froh bin, dass ich noch beide Beine habe, deren Verlust ich aber erst wirklich erfassen kann, wenn mir jemand mit einem Panzer drüber gefahren ist. Da hilft dann selbstverständlich auch kein Penicillin mehr.

Wie auch immer.

Ich weiß inzwischen, wovon diese Menschen reden. Die Welt, in der man mit zehn lebte, war kleiner, überschaubarer. Man musste keine Entscheidungen treffen. Das Maximum war ein phasenweise auftretendes Mitentscheidungsrecht beim Pausenbrotbelag.

Erinnert ihr euch noch an das Gefühl der ohnmächtigen Allmacht, als ihr das erste Mal aussuchen durfte, was ihr in der Schule anzieht? Ein Gefühl dieser Art, in dieser Intensität, gepaart mit dem unbändigem Stolz, den der kleine Kinderkörper an diesem Tag durchströmt, erlebt man niemals wieder. Ich versuche es regelmäßig, wenn ich im Supermarkt vor der schwerwiegenden Entscheidung stehe, welches Salatdressing ich kaufen soll, zu reaktivieren. Not the same.

Aber versteht mich nicht falsch. Ich will nicht wieder sechs oder zwölf und erst recht nicht siebzehn sein. Es ist einfach furchtbar ätzend ein Kind zu sein. Und jeder Erwachsene, der das Gegenteil behauptet, hat beim Kiffen eindeutig zuviele Pippi Langstrumpf Folgen gesehen.

Wir assoziieren Kindheit mit Freiheit, mit Unbeschwertheit, mit Leichtigkeit.

Wir vergessen die Nächte, in denen wir uns in den Schlaf geheult haben, weil wir keinen Hund haben durften. Wir vergessen das nach vorne, an die Tafel geholt werden. Wir vergessen das Taschengeld, das niemals reichte. Wir vergessen die grenzenlose Enttäuschung, wenn alle Kakaopäckchen schon weg waren und nur noch die beknackte Vanillemilch übrig war. Wir vergessen den Hausarrest und Mütter die "Zimmer aufräumen!"-Befehle bellten.

Kindsein bedeutet keinesfalls Freiheit.

Erwachsensein bedeutet Freiheit.

Erwachsensein bedeutet jederzeit ins nächste Tierheim fahren zu können, um sich einen verdammten Hundewelpen zu holen. Es bedeutet kündigen zu können, wenn man auf der Arbeit nach vorne, ans Whiteboard geholt wird. Es bedeutet Dispo-Kredit. Es bedeutet sich jederzeit Kakao kaufen zu können und niemals mehr Vanillemilch trinken zu müssen. Es bedeutet nie wieder seine Wohnung aufräumen zu müssen.

Menschen, die zu Kindern sagen, "Genieß die Zeit, es ist die schönste deines Lebens." sind nur Menschen, die nicht die Chuzpe haben, die Freiheit, die sich ihnen nun bietet, auch zu nutzen.

Sich in eine Zeit zurück zu wünschen, in der man abhängig war, unselbstständig und unemanzipiert, bedeutet nicht, dass man nostalgisch ist.

Es bedeutet nur, dass man feige ist.