Montag, 21. November 2011

Meinungen

Meinungen sind eine feine Sache.

Jeder hat das Recht auf eine. Das Recht, sie zu haben. Sei es in gedachter oder in gesprochener Form. Und das ist auch gut so. Wirklich. Das meine ich ernst.

Also in der Theorie ist das gut so.

Es gibt jedoch, und da herrscht ein sehr weit verbreitetes Missverständnis (und an diesem Punkt kollidieren dann auch Theorie und Praxis), kein Recht darauf, dass es andere interessieren muss, welche Meinung man hat. Mir scheint nämlich, dass es heutzutage ein sehr weit verbreitetes Phänomen ist, anzunehmen, dass jeder, wirklich jeder, den man so trifft im Leben, im Pub, bei Aldi an der Kasse, erfahren muss, was man sich in seinem Oberstübchen für Meinungen überlegt hat.

Frei nach dem Motto:

Hobbies: Lesen, Schwimmen, andere Menschen mit meiner Meinung behelligen.
Ich hatte darüber letztes oder vorletztes Jahr schon einmal partiell gebloggt, aber aus aktuellem Anlass muss ich es wieder. Denn in meinem Leben wimmelt es im Moment nur so von Menschen, die Meinungen haben. Zu allem. Immer. Vor allem zu mir.

Es scheint fast gesellschaftlich verpönt zu sein, zu einem Thema keine Meinung zu haben.

Egal, ob es um globale Erwärmung, "Dönermorde", Süßstoff in der Schweinemast, amerikanische Innenpolitik, Meerschweinchenzucht oder Staubsauger geht - Man hat im Jahre 2011 zu allem eine Meinung zu haben. Und da liegt mein Problem.

Ich habe ein Fach studiert, das äußerst pingelig ist, was Fakten und Wahrnehmung angeht. Wenn ich sage "Ich weiß es nicht." bedeutet das "Ich kann es nicht belegen, und daher äußere ich mich zu dem Thema vorerst nicht." Es passiert häufig, dass ich Sätze sage, wie "BlablablaThemablabla - Ich bin aber nicht sicher. Wenn du willst, schlage ich nachher nochmal nach." Das wurde mir in 39 Semestern mit Peitsche und Daumenpresse antrainiert.

Jetzt gibt es viele Akademiker, die lustige Sachen wie Kunstgeschichte studiert haben, oder Menschen, die noch nicht einmal das studiert haben. (Laut RTL soll auch das vorkommen.) Und diese Menschen ejakulieren ihre Gedanken unkontrolliert in alle Richtungen.

Da wird die Kunsthistorikerin wegen meines Muttermals plötzlich zur Dermatologin. Die Reisebüroangestellte wird wegen meiner Hausarbeit zum Experten im Bereich Menschenwürde. Die Sekretärin wird nach ihrem Urlaub in Hurghada zur Ägyptologin und der Ägyptologe wird durch den Bildband über van Goghs Lebenswerk zum Kunsthistoriker. So schließt sich der Kreis.

Wir wissen ja alles heutzutage.

Wikipedia, Google und Psychologie Heute sei Dank.

Und wie gesagt, es ist okay, wenn die Regalfachkraft aufgrund eines ZDF-Mehrteilers meint nun grundlegendes Wissen über den Missbrauch an Kindern in ihrem Hirn generiert zu haben. Das Problem ist, dass dieses "Wissen" da ja nicht bleibt. Wie eine Lawine bahnt es sich seinen Weg über Hirnstränge und Nervenbahnen, bis es sich schließlich durch den Mundraum wie Erbrochenes in die Freiheit kämpft. Und mich ebendort behelligt.

Denn ich habe in der Regel nicht um diese Meinung gebeten.

Wenn ich um eine Meinung bitte, sage ich alberne Sätze wie: "Was denkst du?" Manchmal auch: "Was meinst du dazu?" Oder einmal im Jahr vielleicht auch ein: "Was soll ich nur machen?"

Es ist eigentlich recht einfach.

Wenn ich sowas sage wie: "Ich hoffe, mein Fahrrad wird nicht geklaut.", dann ist das eine einfache Aussage, die ich vermutlich nur reinschiebe, weil mein Gegenüber mir irgendetwas erzählt, nachdem ich ebenfalls nicht gefragt habe.

Wenn ich jedoch so etwas sage wie: "Ich hoffe, mein Fahrrad wird nicht geklaut. Meinst du es ist ausreichend abgeschlossen?!", dann ist das eine direkte Aufforderung zur Meinungsäußerung, die ich vermutlich ebenfalls nur getätigt habe, weil mir das Gegenüber etwas erzählt, was mich so interessiert wie der Stuhlgang meines Nachbarn.

Es ist den Menschen aber egal, ob ich ihre Meinung hören will. Denn, so die offensichtliche Annahme ihrerseits, kann ich diese Entscheidung gar nicht alleine treffen, denn offenbar bin ich unmündig und mir muss gesagt werden, dass ich zum Hautarzt wegen dem Muttermal gehen soll, weil der Tom, der hatte auch so ein Muttermal und dann war das Krebs und dann war der tot, okay, es war ein Autounfall, aber wenn der LKW nicht gewesen wäre, dann wäre Tom in zwei bis siebenvierzig Jahren an dem Krebs gestorben.

Ich bin wie ein Magnet für Menschen, die mich mit ihrer Meinung zuscheissen, von der sie jedoch ausgehen, dass es pures Gold sei.

Mir wird von Leuten, die nie ein Jobcenter von innen gesehen haben, gesagt, wie ich ebendort auftreten soll.

Mir wird gesagt, wie ich kochen soll ("Komm, lass mich dir das mal richtig zeigen, das kann man nicht mit ansehen, wie du die Tomate schneidest!" ES SIND TOMATEN VERDAMMT NOCHMAL!)

Mir wird gesagt, dass ich sehr wahrscheinlich schwanger sei. Mir wird auch gesagt, dass ich unmöglich schwanger sein kann. (Gott sei Dank verfügen alle meine Freunde, Bekannte und Verwandte über grundlegende Kenntnisse zu meinem Eisprung.)

Mir wird gesagt, wie ich meine Dissertation zu schreiben habe. Wie ich sie nicht zu schreiben habe. Vorzugsweise von Menschen, die eine Universität nur von innen gesehen haben, weil sie keine Lust hatten bei McDonalds 20 Cent für die Toilettenbenutzung zu zahlen.

Mir wird gesagt, wie ich mit anderen Menschen umzugehen habe. Mir wird gesagt, was ich tun soll, wenn ich traurig bin. Mir wird gesagt, was ich lassen soll. Mir wird gesagt, ich soll mehr Auto fahren. Mir wird gesagt, warum ich erneut einen Unfall gebaut habe. Mir wird gesagt, welche Glühbirnen ich kaufen soll. Mir wird gesagt, dass ich weniger Cola Light trinken und mehr Obst essen soll.

Mir wird gesagt, ich soll die Axt weglegen, ganz langsam und zwar so, dass man meine Hände sehen kann.

Ich mag das alles nicht mehr.

Ich mag euch nicht mehr.

Ich bin 29. Und ich habe 29 Jahre gebraucht, um zu lernen auf meine innere Stimme zu hören, auf mein Bauchgefühl. Und mein Bauchgefühl sagt mir, ihr sollt die Klappe halten und da ihr dazu nicht in der Lage seid, weil ihr euch einbildet, dass jede Silbe, die eurem Kehlkopf entrinnt, am Besten in Stein gehauen und in meiner Wohnung aufgehangen werden soll, bleibt mir nur eines zu tun.

Euch meine Meinung mitzuteilen.

Ich kann es zwar nicht belegen, aber ich finde, ihr solltet euch gepflegt ins Knie ficken, anschließend an eure eigene Nase packen, euer eigenes Leben regeln, eure eigene Arbeitslosigkeit oder den Job, den ihr seit sieben Jahre doch so scheisse findet, eure eigene Beziehung, eure eigenen Muttermale, und wenn ihr damit fertig seid und endlich nicht mehr davon ablenken müsst, wie verschissen trist eure eigene Existenz doch ist, indem ihr euch auf meine verschissen triste Existenz stürzt, wie ausgehungerte Hyänen auf Rückenmarksflüssigkeit, dann, vielleicht dann, können wir noch einmal miteinander reden.


Aber eigentlich eher nicht. Ich bin nicht 100%ig sicher, aber ich schlage es gerne für euch nochmal nach.
Ah, hier steht es, auf Seite 108: "Eher nicht."

[Some of the images are found on tumbl (or somewhere else on the internet). If I violated any copyrights you might have, please do not hesitate to contact me and I will remove the picture.]