Montag, 28. November 2011

Jahrestage

Meine Einstellung zu Pärchen dürfte hinlänglich bekannt sein. Also, vor allem, dass es eine negativ geprägte ist. Es gibt vieles, dass mich an ihnen nervt.

Wie sie händchenhaltend durch die Stadt, durch Geschäfte und über Weihnachtsmärkte flanieren, als hätte irgendein James-Bond-Bösewicht sie an den Handgelenken durch ein abartiges Experiment, das einem Mengele würdig wäre, zusammengeschweisst, und jede nicht händchenhaltende Person ihnen ausweichen muss, weil man nicht von ihnen erwarten kann und darf, dass sie sich auch nur für Sekunden vom jeweils anderen trennen.

Oder, wenn sie für fünf Minuten mit ihrer Knutscherei am Bahngleis, auf der Rolltreppe oder im Bus aufhören, um andere Alleinreisende mit diesem Blick zu beglücken. Dieser Blick, der Mitleid und Abscheu zugleich ausdrückt, als wäre man ein afrikanisches Kleinkind mit Blähbauch und Fliegen am Mundwinkel. Dieser Blick, der einem nonverbal in die Fresse tritt und sagt "Oh, du hast niemanden, dem du mit der Zunge die Mandeln kraulen kannst, das ist so traurig, deine Existenz ist so traurig, ich schaue dich jetzt so lange mit traurig hochgezogenen Augenbrauen und einem Mutter-Theresa-Lächeln an, bis du dir eine Schrottflinte in den Mund steckst und diesem Trauerspiel, dass du dein Single-Dasein nennst, ein Ende bereitest."

Oder, dass sie plötzlich jeden zweiten Satz mit "Wir.." oder "Mein Freund.." anfangen, um zu betonen, dass man nun endlich (!) über einen ebensolchen verfügt.

Mein Freund würde das nie machen. Mein Freund kocht jeden Samstag für mich. Mein Freund ist so toll, er rezitiert beim Kacken Rilke.

Und für den Fall, dass IRGENDJEMAND nicht mitbekommen, dass man  nun in einer Beziehung ist, dass man nun nicht mehr zu dieser bemitleidenswerten Gruppe von Singlemenschen gehört, dass die Schrotflinte wieder weggepackt werden kann und man vorerst doch nicht eingeschläfert werden muss, gibt es bei Facebook die wundervolle Funktion Beziehungsstatus.

Während man früher gezwungen war, Proklamationen auf Papyrus oder Schweinehaut an irgendwelche Dorfkirchen zu nageln, um den Ex-Freund davon zu unterrichten, dass man ja wieder 'nen Neuen hat, der auch noch größer, besser, schneller ist, gibt es nun Facebook. Halleluja. Gott bewahre, wenn die Menschheit auch nur eine Sekunde zu lang ohne das Wissen, dass man wieder in einer Beziehung ist, leben müsste! Wie könnte sie?

Und um das Ganze abzurunden, gibt es inzwischen auch noch die Funktion Jahrestag.

Jahrestag.

Dass ist dann das, wo Sechzehnjährige was eingeben.

Wie drollig.

Damals, in jener dunklen Zeit, in der ich aufwuchs, kurz nach dem Krieg war das, wisst ihr, was da ein Jahrestag war? DER HOCHZEITSTAG. Und wisst ihr auch, wann der eine Rolle spielte? Wenn man es zur silbernen Hochzeit geschafft hatte. Alles davor interessiert nämlich so sehr wie eine Zecke, die sich mit dem nicht existenten Finger im Popo rumpuhlt.

Pärchen, die seit 25 Jahren verheiratet sind, bringe ich meine Hochachtung entgegen. Wenn nach 25 Jahren sich keiner von beiden umgebracht, sie ihn nicht mit seinem Xbox-Controllerdings den Schädel eingeschlagen, er ihre Diätpillen nicht mit Zyankali versetzt hat - das nötigt mir Respekt ab.

Menschen, die ein Jahr verheiratet sind und von mir Karten, Blumen, oder am Besten noch eine dahin gehauchte Proskynese als Anerkennung ihrer "Leistung" erwarten, dürfen sich auch nicht wundern, wenn ich plötzlich applaudierend in ihrer Küche stehe, weil sie es geschafft haben, den Herd einzuschalten.

Und das gilt erst Recht für Menschen, die nicht einmal verheiratet sind. Die so zusammen sind. Unzüchtig. Und gotteslästerlich. Menschen, die erst seit drei Monaten zusammen sind. Und das allmonatlich zelebrieren. Mehrfach. Weil da ja einmal der Tag war, an dem sie sich kennengelernt haben, dann der Tag, an dem sie das erste offizielle Date hatten, dann der Tag, an dem das erste Mal geknutscht wurde (falls das nicht derselbe war), der Tag, bzw. die sieben Minuten, in denen man zum ersten Mal Sex hatte, der Tag, an dem er das erste Mal Schnäutzelchen zu ihr sagte. Die Variationen sind endlos und werden von manchen auch sehr gerne in ihrer ganzen möglichen Bandbreite wahrgenommen.

Meine Mutter verfiel kürzlich auf die wahnwitzige Idee mit mir darüber sprechen zu wollen, dass man ja früher erst dann mit jemandem Sex hatte, wenn man mit dem zusammengezogen und wirklich, wirklich, wirklich richtig zusammen war.

Früher.

In den Siebzigern.

Ihr wisst schon. Diese berühmt-berüchtigte Phase der extremen sexuellen Moral und katholischen Wertevorstellungen.

Aber unbewusst hatte sie Recht. Ich vermute, dass die ganzen Mandys mit ihren Marvins in Marzahn, genauso wie die Fionas mit ihren Friedrichs im Prenzlauer Berg, nicht mehr wissen, was das da eigentlich ist, was sie da machen. Früher war das geregelt, da gab es Regeln, da wurde beim Herrn Papa um Erlaubnis gebeten, da wurde erst mal monatelang der Handrücken geküsst, bis man was anderes auch nur zu Gesicht bekam. Heute wird verzweifelt versucht stattdessen mit Facebookbeziehungsstatüssen und albernen sechsmonatigen Jubiläen dem ganzen einen festen Rahmen zu geben, um seinem Umfeld auch möglichst glaubhaft zu demonstrieren und zu beweisen, dass das hier was ernstes ist.

Und vor allem, um sich das selbst zu beweisen.

Da macht es dann auch nichts, wenn der Beziehungsstatus viermal im Jahr geändert wird.