Freitag, 11. November 2011

Go ahead!

Sport ist nicht so mein Ding. Also generell schon, aber nicht im Spezifischen, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich bin ein Aggressionssportler, soll heißen, ich muss irgendwo draufdreschen. Gebt mir einen Schläger oder einen Ball, den ich rumschleudern kann und Claudia ist glücklich. Noch heute denke ich seliglächelnd an die Jahre in der Unterstufe zurück, in deren Pausen ich Völkerball gespielt habe. Mit einem Hartgummiball oder Volleyball und nicht diesem Schaumstoffmuschiding.

Das Kreischen und Auseinanderstoben, wenn ich den Ball in die Hände bekam. Das harte Klatschen des Balls auf zarten Mädchenwangen. Das Klirren von Brillengläsern, die auf den Zementboden fallen. Das kaum hörbare Knacken von jugendlichen Nasenscheidewänden. Selten war das Leben süßer.

Alternativ ging auch Brennball, Volleyball, Badminton. Selbst Tischtennis. Basketball war schon grenzwertig. Da wuppt man den Ball eher, da geht es weniger um Kraft. Und Fußball ging gar nicht. Von dem Kack mit Ringen, Bändern, Böcken und Matten will ich gar nicht anfangen.

Irgendwann wird man dann älter und man ist nicht mehr in der Schule. Und die Freunde um einen herum pilgern ins Fitnessstudio. Bin ich auch zeitweilig. Aber ich hasse Kurse. Gruppenschwitzen. Von dem reinkarnierten Oberscharführer, der vorne Befehle bellte, will ich gar nicht erst anfangen. Am Ende lief ich nur noch auf dem Laufband und spielte Squash. Ersteres stets begleitet von den lieblichen Klängen des '300'-Soundtracks. Aber irgendwann hatte ich dazu auch keine Lust mehr..
Ich habe es immer wieder aufs Neue versucht, aber jedesmal, wenn ich mich neu im Fitnesscenter anmeldete, wurde die Phase zwischen Anmeldung und Nicht-Mehr-Hingehen immer kürzer. Irgendwann hörte ich ganz auf. Und dennoch ist dieses eklige Stimmchen in meinem Kopf, die flüstert, ich solle Sport machen, um Gewicht zu verlieren, um meinen Körper mehr zu 'definieren'. All so ein Blödsinn.
Hinzukommen Menschen, die auf Facebook und Twitter ihre Sport-Erlebnisse mit mir teilen. Unaufgefordert. Mit Fotos. Da sehe ich dann Mountainbikes, schlammbespritzt gegen Baumstümpfe gelehnt, verschwitzte Menschen in bunten Renn- und Radoutfits, noch buntere Fahrradhelme. Schlechtes Gewissen 2.0.

Ich hatte jahrelang den Rhein direkt vor der Haustür. Eine perfekte Strecke um zu Laufen, zu Bladen, zu Radeln. Aber ich guckte aus dem Fenster und dachte nur "Igitt."
 
Ist Bewegung wichtig? Ist Sport etwas gutes? Sicher. Ich mag Menschen, die sich dazu entschließen eine Sportart in ihren Lebensmittelpunkt zu stellen. Genauso wie andere Menschen Musik zu ihrem Lebensmittelpunkt machen. Oder Literatur. Mode. Meerschweinchenzucht. Sticken. Was auch immer.

Aber dieser ganze Du-Musst-Charakter heutzutage ist lächerlich. Wir sind die einzige Spezies auf diesem Planeten, die einer Tätigkeit dieser Art nachgeht. Der Leopard liegt auch nicht Mittwoch Abend auf seinem Baum und denkt "Ach, ich laufe noch eine halbe Stunde. Einfach so. Um in Form zu bleiben." Und wir sind noch nicht mal Jäger. Wir waren mal Fallensteller und haben mit spitzen Sachen nach Tieren geworfen, aber wir sind niemals hinter irgendwas hergerannt, das wir essen wollten. Es gibt also keinen natürlichen Grund, warum ich einen Zustand erreichen sollte, indem ich soundsoviele km/h pro Stunde schaffe.

Leopard

Wie gesagt, wenn es einem Spaß macht: Go ahead! Aber heutzutage wird einem ständig suggeriert, dass man das machen muss. Überall schießen die Fitnessstudios aus den Boden und meine persönliche Umgebung ächzt und stöhnt darüber, dass sie ja heute noch zum Sport muss.

Nein, müsst ihr nicht, ihr kleinen Ficker.

Niemand muss zum Sport - Okay, es sei denn du wiegst 300kg und die Feuerwehr muss dich aus dem Haus schneiden, wenn du mal dasselbe verlassen willst - in dem Fall wäre ein weeeniiig Sport viiiieeeelleeeeiiiicht gaaaar niiiiicht soooo schlecht. Aber ihr da draußen, die motzt, ächzt, mosert und stöhnt: Macht Sport, weil es euch Spaß macht, weil ihr einen Nutzen daraus zieht, aber wenn ihr diese Tätigkeit eigentlich so dermaßen scheisse findet, herrje, dann lasst es doch!

Ich liege morgens lieber eine Stunde länger im Bett, anstatt mir die Laufschuhe anzuziehen. Ich düse lieber schnell mit dem Roller in die Stadt, statt mich mit dem Fahrrad über dämliche Brücken zu kämpfen. Ich schaue abends lieber liegend auf dem Sofa Private Practice, anstatt schwitzend auf einem Crosstrainer. Diese Entscheidung habe ich getroffen. Ganz bewusst.

Werde ich sie vielleicht eines Tages ändern? Möglich. Ich werde meine Hanteln weiterhin behalten, genauso wie meinen Squash-Schläger und meine total hippen, immer noch eingeschweissten Billy-Blanks-Tae-Bo-DVD's. Aber wenn ich zu einem davon greife oder mich wieder im Fitnesscenter anmelde, dann nur, weil ich es möchte. Weil ich die Lust am Sport wieder entdeckt habe. Und nicht, weil ich mich dazu zwingen muss.

Für Kram, zu dem ich mich zwingen muss, ist das Leben einfach zu kurz.

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