Mittwoch, 30. November 2011

Elite

In den letzten Wochen fiel einige Male das Wort Elite. Gerne im Zusammenhang mit Arroganz. Das Wort fiel für meinen Geschmack einige Male zu oft. Vor allem von den falschen Menschen. Also solchen, die nicht zu eben der angegriffenen Elite gehörten und trotzdem über die Arroganz verfügten, dieselbe anzugreifen.

Ich vermisse die Zeiten, in denen man einfach jeden, der einem nicht passte, ans Kreuz nageln lassen konnte.

Nun, nachdem sich der Staub ein wenig gelegt hat und die Oompa Loompas der Blogszene wieder in ihre Löcher verschwunden sind, um im schummrigen Kerzenlicht ihre nächste Revolution zu planen und die Existenz jener anzuprangern, die sich auf nichts alles einbilden, dachte ich mir - als eine von jenen, die nichts vollbracht haben und sich darauf völlig zu Recht alles einbilden - es wäre ein guter Zeitpunkt mich zu Wort zu melden und ebendiese an die Oompa-Loompa-Revolutionsszene zu richten. (Holla, ein Satz, auf den selbst Fontane neidisch wäre..)

 

Hallo mein werter Oompa Loompa.

HOW DARE YOU?!

- würde ich wohl sagen, wenn ich das arrogante Miststück wäre, für das manche mich halten.

Ich habe dein Pamphlet vernommen und genauso wie du es an niemanden im Speziellen gerichtet hast, richte ich auch diesen Post an dich ohne dich beim Namen zu nennen. Vorrangig aber, weil ich mir, als Mitglied der Elite, ganz einfach deinen Namen nicht gemerkt habe.

Dein Pamphlet war sehr lang und es waren viele hübsche Worte darin, zu meiner Überraschung keines, das ich nachschlagen musste. Ich wusste vor deinem kleinen Shitstorm nichts von deiner Existenz, denn hier im Olymp sind wir zu sehr damit beschäftigt Koks zu schnupfen und die Harfe zu zupfen. Und vermutlich werde ich deine Existenz samt deines kleinen, trotzigen Pamphlets auch vergessen haben, sobald ich da oben auf "Send to Blog" gedrückt habe.

Von deiner kleinen Wutrede habe ich, abgesehen davon, dass sie eo ipso sehr wütend gestaltet war, nicht viel behalten. Im Grunde haben sich nur die drei Sachen in meiner Großhirnrinde festgesetzt, auf die ich hier eingehen werde, und die ich anschließend mit einer Unmenge an Rotwein aus meinem Gedächtnis zu tilgen plane.

1. ELITE (respektive Twitter-Elite)

Ich habe, ich gebe es zu, sehr, sehr lange und hart lachen müssen, als ich dieses Wort gelesen habe. Weißt du, hochgeschätzter Oompa Loompa, was Elite bedeutet?

Nun, warum bemühen wir nicht ein vom niederen Internetpöbel gerne und oft bemühtes Nachschlagewerk, um uns Klarheit zu verschaffen?

Wikipedia erzählt uns:

Elite (urspr. vom lateinischen electus, „ausgelesen“) bezeichnet soziologisch eine Gruppierung (tatsächlich oder mutmaßlich) überdurchschnittlich qualifizierter Personen (Funktionseliten, Leistungseliten) oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise (Machteliten) einer Gesellschaft. Konkret bezieht sich der Begriff meist auf näher definierte Personenkreise, wie z. B. die Positionselite oder die Bildungselite. Der Elite gegenüber steht die „Masse[1] oder der „Durchschnitt“ („Normalbürger“).

Siehst du den Fehler?

Erkennst du die frappierende Diskrepanz zu jenen, denen du vorwirfst, sie würden sich für die Twitter-Elite halten?

HAST DU IHRE TWEETS GELESEN?!

Ach, ach, ach, mein Lieber. Die Twitter-Elite ist so weit davon entfernt elitär zu sein, wie die Juden davon Jesus Christus unseren Herrn als ihren Erlöser anzuerkennen.

Wir sind allesamt misanthropische, sozial behinderte, untervögelte, geistig sehr (wirklich sehr, sehr) verwirrte Menschen, die wahrlich wenig ausgelesenes an uns haben. Würden wir nicht zwischendurch das Haus verlassen müssen, weil wir Kaffee, Club Mate oder ähnlichen Schwachsinn kaufen müssten, wir würden innerhalb einer Woche eine ekelerregende Symbiose mit unseren Sofas und Betten eingehen und twitternd zugrunde gehen.

Wir sind keine Bildungselite, da wir zwar hübschklingende Wörter wie respektive kennen, dennoch kompensieren wir die uns mühsam anerzogene Bildung durch eine wild wuchernde Fluchlandschaft, für die sich ein Thomas Mann im Grab umdrehen würde.

Und Machtelite? Welche Macht? Die Macht einen Blumentopf in die Nachrichten zu bringen? Ja, heissa, was haben wir uns alle auf die Schultern geklopft und anschließend alle zusammen im Clubhaus masturbiert, als wir das erreicht hatten!!

Auf Leistungselite muss ich doch nicht näher eingehen, denn seien wir ehrlich, hätten wir in unserem Leben irgendetwas erreicht, was auch nur ansatzweise als Leistung anerkannt werden müsste, keiner von uns wäre wohl bei Twitter. Twitter ist und bleibt ein Kompensationsmedium, auch wenn wir vielleicht nicht genau wissen wofür (Ich zitiere hier nur die fleischgewordene Twitterarroganz @Einstueckkaese).

Nun könnte manch eine behinderte Seele auf den Gedanken kommen, dass das wahllose Sammeln von Followern von uns als Leistung angesehen wird. Und wir wegen dieser Leistung, die keine ist, Gefahr laufen, unser Ego so anschwellen zu lassen, dass wir damit beinahe die Schädeldecke sprengen könnten. Damit kommen wir zu Punkt 2:

2. ARROGANZ

Mir ist klar, dass das von da unten für dich wie Arroganz aussehen muss, was wir hier oben produzieren.

Doch du scheinst dem lustigen Trugschluss zu erliegen, dass wir uns nur untereinander folgen und keinen anderen in unser kleines, geheimes Baumhaus reinlassen, wo wir den ganzen Tag Ambrosia fressen und Regenbögen scheissen.

Hierzu folgendes.

Jeder, ich sage es gerne noch einmal mit Emphase: JEDER bei Twitter hat einmal mit 0 Followern angefangen. Dass er dann irgendwann mehr als 0 hat, hat seine Gründe. Keine, die ich auch nur halbwegs plausibel erklären kann, ich kann dir aber im Gegensatz mit Leichtigkeit erklären, warum andere nun mal nicht tausend Follower haben und vor allem warum ich ihnen nicht zurückfolge.

Dass wir gerne Leuten folgen, die ebenfalls fünfhundert, tausend oder fünftausend Follower haben, liegt nicht daran, dass wir ein inszestiöser Haufen sind, sondern, weil wir uns gerne mit Menschen umgeben, die genauso gestört sind, wie wir selbst und wir solche Menschen im Real Life nun mal nicht kennen. Und sonst nun mal niemand mit uns Tatort und Bauer sucht Frau gucken möchte.

Dass wir keinen Leuten folgen, die unter fünfhundert Follower haben, ist schlichtweg falsch. Ich folge u.a. einer, die nur 148 Follower hat und ich bin mehr als sicher, dass sie eines Tages Tausende haben wird, weil sie einfach ein entzückendes, gestörtes, kleines Ding ist. Weil sie auch ohne fünftausend Follower jetzt schon eine von uns ist. Weil sie gewitzt ist. Weil sie ironisch ist, ohne bei Wikipedia nachschlagen zu müssen, was das heisst.

Dass wir uns alle gegenseitig folgen ist ebenfalls falsch. Wir folgen einigen und anderen nicht. Manchmal blocken wir uns auch gegenseitig. Manchmal shitstormen wir uns auch zu. Wir sind nicht die verfickten Illuminati, es gibt keine Mitgliederausweise und wir verschwören uns auch nicht gegen die vermeintliche Arbeiterschaft der Timeline.

Dass wir nicht jedem folgen ist nachzuvollziehen. Aus demselben Grund, warum ich mich nicht mit jedem unterhalte, der sich im Bus neben mich setzt: WEIL ICH NICHT MUSS. WEIL ICH NICHT WILL. UND WEIL ICH ES KANN.

Das nennt sich Freiheit. Und ja, auch Menschen, die sich außerhalb des Tahrirplatzes aufhalten, machen den Anspruch auf ebendieses gerne hin und wieder für sich gültig.

Kommen wir aber zum Ende und damit zum dritten und letzten Punkt. Dem, in dem ich sehr pauschal, sehr unfair und einfach mal so verurteilend sein werde, einfach weil ich es kann, einfach, weil ich 2.800 Follower habe, einfach nur, weil ich möchte, dass du auch morgen wieder mit dem seltsamen Gefühl aufwachen kannst, dass wir uns für was besseres halten und du dich in deinem kleinen Twitteruniversumsbild zur Gänze bestätigt siehst. Denn, wo kämen wir denn hin, wenn ich dir deine kruden Gedanken austreiben würde? Ich bin schließlich nicht Mutter Teresa. Ich bin da eher Goebbels.

3. ICH GLAUBE DIR NICHT.

Ich weiß nicht, was für Schulen du besucht hast, aus welchen Kreisen du kommst, ich für meinen Teil bin ein unfassbar oberflächlicher, elitärer Mensch aus dem gehobenen Bürgertum, der auf Schulen geschickt wurde, wo es Nonnen gab, hochgeklappte Polohemdkragen, Perlohrringe und Mercedes'. Und ich habe dort, neben der Tatsache, dass katholische Nonnen wirklich null Humor haben, eine sehr wichtige Erfahrung gemacht:

Jeder, wirklich jeder, der anfangs über die Coolen und Reichen auf dem Schulhof fluchte, ihre Arroganz verteufelte und sie als Kapitalshuren dämonisierte und dabei immer und immer wieder bemüht war zu betonen, dass er ja nicht neidisch sei, sondern diese Leute per se einfach scheisse findet - wegen der Attitude und so. Ha ha - schwindelt sich in die eigene Tasche.

Es waren dann nämlich immer genau diese Leute, denen die Tränen in die Augen schossen, wenn sie von diesen Kapitalshuren eine Einladung zum Geburtstag bekommen haben, die ganz feucht im Höschen wurden, wenn sie doch eines Tages von den Dämonen der Oberschicht mit Küsschen links, Küsschen rechts begrüßt wurden.

Jeder, der mir einmal zu viel betont, dass er zu einer bestimmten Gruppe, die er pauschal eher kacke findet, gar nicht gehören will, macht mich stutzig.

Ich für meinen Teil finde die Linke zum Beispiel ziemlich kacke. Und das Statement steht für sich selbst. Es ist völlig unnötig noch zwölfzig Mal zu betonen, dass ich das nicht sage, weil ein kleiner, kleiner Teil von mir in Wirklichkeit doch gerne Mitglied dieses illustren Clubs wäre.

Wenn ich aber die Reichen und Schönen Hollywoods per se angreife, sie, ohne sie eigentlich zu kennen, mir ein Urteil über sie erlaube, und dann nicht müde werde zu sagen, dass ich mit meinem kleinen Beamtendasein in Neubrandenburg oder an einem anderen spaßigen Ort, wo sich Elefanten zum Sterben zurückziehen, vollends (!) zufrieden bin, dann wirkt das, ich muss das leider sagen, doch ein klein wenig unglaubwürdig. So ein klitzeklitzeklitzekleinesbisschen.

Wir wollen doch alle Anerkennung.

Freuen uns, wenn andere Menschen, das, was wir sagen, machen und denken, als in irgendeiner Weise wertvoll erachten. Uns zuhören. Uns folgen.

Die so genannte Twitter-Elite ist seit zwei Jahren ein fester Bestandteil meines Lebens. Einige kenne ich persönlich. Und ich darf dir versichern, sie sind der goldigste, liebenswürdigste, freundlichste Haufen von völlig gestörten Arschgeigen, der auf diesem verkackten Planeten rumläuft.

Und wenn du aufgrund ihrer Tweets meinst, sie wären elitär und arrogant, dann solltest du vielleicht eines der folgenden Schlagwörter in einem Wörterbuch deiner Wahl nachschlagen:

Ironie

Sarkasmus

Zynismus

In diesem Sinne.

Leb wohl.