Montag, 3. Oktober 2011

Metapher für Fortgeschrittene

„Weißt du,“ sage ich und nippe an meinem Amarulaglas „es ist ja so, die Medien wollen einem weismachen, dass es so etwas wie die perfekte Wohnung gibt. In Kinofilmen, Fernsehserien, ja schon in Kinderbüchern, überall werden einem Wohnungen gezeigt, die einem suggerieren, dass es die perfekte Wohnung gibt.“

„Ist das so?“ fragt er, wobei ihm praktisch die Furcht vor einer meiner Monologe ins Gesicht geschrieben steht.

„Ja. Angefangen bei Pipi Langstrumpfs absurd-kafkaesken Villa bis zu MTV’s Cribs. Aber das ist alles ein Trugschluss. Alles. Die perfekte Wohnung, die eine, die zu einem passt, die für einen gemacht ist, für einen entworfen und gebaut wurde, die einen vervollständigt – diese eine Wohnung existiert nicht. Glaub’ es mir, ich habe es in den letzten Wochen, in denen ich in Berlin nach einer Wohnung gesucht habe, erlebt.“

„Hast du das?“

„Ja.“ sage ich und mache eine melodramatische Geste: „Es war furchtbar. Die Wohnungen, die ganz offenbar perfekt waren, weil sie im richtigen Kiez lagen, weil der Preis stimmte, weil einfach alles stimmte, bei diesen Wohnungen kleben immer schon 50 andere Mitbewerber vor der Haustür. Man hat doch so keine Chance. 50 identische Mitbewerber. Völl-ich-ident-isch. Wie soll man da aus der Masse herausstechen, wie auf sich aufmerksam machen, um diese perfekte Wohnung zu bekommen? Und wenn man dann doch einmal eine Wohnung hat, die perfekt erscheint, so rein äußerlich, und man tatsächlich schon den Fuß in der Tür hat, dann stellt man nach relativer kurzer Zeit fest, dass die Perfektion nicht ganz so perfekt war, wie gedacht.“

„Perfide Perfektion.“ flötet er mit dem mir so bekannten sarkastischem Unterton, den ich wie stets geflissentlich ignoriere: „Du musst dir die Enttäuschung vorstellen, wenn man dachte, dass man endlich fündig geworden ist und die eine Wohnung gefunden hat, die Wohnung, die den Neustart in Berlin erst vervollkommnen würde, und dann.. dann.. hat sie Teppichboden! So was kann ja keiner ahnen, ich meine, das sieht man so einer Wohnung von außen ja nicht immer an. Und du weißt, ich hasse Teppichboden.“

„Wer weiß das nicht?“

„Also zieht man wieder los. Müde und ausgelaugt und dennoch fremdgesteuert durch die in der Großhirnrinde festgesaugte Vorstellung, dass es die eine Wohnung irgendwo da draußen doch geben muss.“

„Nun, wenn man das entsprechende Kapital hat, ist das vielleicht weniger ein Problem.“

„Natürlich, mit Geld kann man sich jede Wohnung kaufen, die man will und wenn sie einem nicht passt, kann man sie passend machen. Dafür gibt es Inneneinrichter, Architekten, Tine Wittler. Aber ich als arme Studentin..“

„Arme, arbeitslose Studentin!“

„Ich als arme, arbeits-, mittel- und hoffnungslose Studentin, die für derlei Spielchen nicht geschaffen ist, von der Natur betrogen, entstellt, verwahrlost, vor ihrer Zeit in diese atmende Welt gesandt, halb fertig und das so lahm und unansehnlich, dass mich Hunde anbellen, wenn ich an ihnen vorbeilaufe.“

„Zitierst du gerade ‚Richard III’?!“

„Es passte gerade.“

„Lass das.“

„Okay,“ sage ich und denke dabei, dass heutzutage ein bisschen mehr Kultur im Alltag sicherlich auch niemanden umbringen würde. „Jemand wie ich muss das nehmen, was der Wohnungsmarkt einem übriglässt. Und wie gesagt, das ist nicht unbedingt das, wovon ich nachts träume. Was also tun?“

„Nach Köpenick ziehen.“

„Exakt. Denn man muss für sich entscheiden, was einem wichtig ist. Da es die perfekte Wohnung nicht gibt, die Wohnung, bei der einfach alles stimmt, muss man zusehen, dass man Prioritäten setzt.“

„Prioritäten?“

„Was ist mir wichtiger: Die Hausfassade bzw. der Kiez, in dem die Wohnung liegt oder die Wohnung selbst, die Raumverteilung etc.?“

„Sozusagen: Äußere Werte versus Innere Werte.“

„Sozusagen. Müssen es unbedingt die 100m2 sein oder reichen vielleicht auch 40m2 um glücklich zu werden?“

„Nicht die Größe macht’s.“

„Nicht unbedingt. Und die Liste kann endlos fortgesetzt werden. Braucht man einen Keller oder ist einem das untenrum nicht so wichtig und man hätte lieber einen Balkon? Wichtig ist nur, dass man weiß, was man will und was einen glücklich macht. Denn dann erkennt man auch, dass man gar nicht die perfekte Wohnung braucht und man Jahre mit der Suche nach ihr verschwendet hat.“

„Du meinst Wochen.“

„Hm?“

„Wochen. Du hast drei Wochen lang nach einer Wohnung gesucht.“

„Ja. Ja, Wochen. Wochen, die ich verschwendet habe auf der Suche nach der perfekten Wohnung, nur um schließlich zu erkennen, dass eine Wohnung gar nicht perfekt sein muss, damit man darin glücklich werden kann.“

„Claudia.“

„Ja.“

Er kräuselt die Nase: „Du redest von Männern, oder?“

„Was?!“

„Jedes Mal, wenn du Wohnung sagst, meinst du eigentlich Mann.“

„Nein! Gar nicht. Ich.. ich.. NEIN! Ich.. rede.. von.. Wohnungen.“

„Es ist okay, wenn du von Männern redest.“

„Nein.. ich mag keine Männer. Das weißt du doch. Sie starren auf meine Brüste und sagen dann Dinge, die mich irritieren.“

„Also Wohnungen.“

„Ja.“

„Und.. bist du zufrieden mit deiner Wohnung in Köpenick?“

„Ja, so ziemlich. Sie liegt nicht im hippsten Bezirk und die Hausfassade sieht auch nicht gerade wie der Palast von Versailles aus, aber sie passt zu mir und macht mich glücklich.“

„Hmm. Ich verstehe." sagt er und starrt einen Moment auf den Boden, bevor er fragt: "Und wo hast du ihn kennengelernt?“

Ich schüttel den Kopf: „Keine Ahnung. Er war plötzlich da.“

Wir schweigen beide, wissend, dass das alles ist, was ich dazu sagen werde. Schließlich rafft er sich doch noch zu einer letzten Frage auf: "In deiner gewöhnungsbedürftigen Metapher.." "Ja?"