Sonntag, 16. Oktober 2011

Stimme der Vernunft

"Du bist ein Narr." sagt die Stimme "Als wüsstest du nicht, dass ich Recht habe. Ich habe immer Recht. Habe immer Recht gehabt und werde immer Recht haben. Hör auf mich."
"Nein." flüstere ich "Vielleicht ist es diesmal anders. Nur dieses eine Mal."
"Nein!" sagt die Stimme "Es wird nie anders sein. Du musst es beenden. Noch bevor es beginnt. Musst aussteigen, bevor der Zug an Fahrt gewinnt. Du hättest schon längst aussteigen müssen."
"Nur dieses eine Mal…" hauche ich.
"Die Fassade bröckelt - merkst du das nicht?" sagt die Stimme "Spürst du nicht die Zeichen? Spürst du nicht, wie du an Halt verlierst? Du kannst es nicht. Kannst nicht damit umgehen. Kannst es nicht aushalten. Die Gefahr ist zu groß."
"Andere können es." sage ich.
"Andere haben nicht erlebt, was du erlebt hast." sagt die Stimme "Andere mussten nicht ertragen, was du ertragen musstest. Jeder Mensch kann in einem Leben nur eine bestimmte Menge an Schmerz verkraften. Und du hast mehr erduldet als die meisten. Du kannst es nicht. Nicht mehr."
"Aber ich habe überlebt." erwidere ich "Ich bin nicht so schwach wie du denkst. Was einen nicht umbringt, macht einen stärker."
"Falsch." sagt die Stimme "Es schwächt. Jedes Mal riss es ein kleines Stück aus deinem Inneren heraus, höhlte dich aus, ließ dich leer zurück. Du bist nichts als ein fragiles Gefäß, das als Kind lernen musste, die Schäden, die Risse in der Hülle zu flicken. Du hast eine Mauer um dich herum errichtet, höher als jeder Turm, dicker als jede Festung und du musst sie halten, um jeden Preis."
"Ich kann sie nicht halten." flüstere ich "Ich mag sie nicht mehr halten."
"Du musst." sagt die Stimme "Unser aller Überleben hängt davon ab. Wenn diese Mauer fällt - und sie wird fallen, wenn du nicht besser Acht gibst - wirst auch du fallen. Tiefer und schneller als jemals zuvor. Und wenn du dann aufschlägst, wird der Aufprall härter sein als er es je war."
"Härter als je zuvor." wiederhole ich stumpf.
"Die Mauer muss gehalten werden." sagt die Stimme "Um jeden Preis."
"Um jeden Preis." sage ich.
"Ich weiß, was du denkst." sagt die Stimme sanft "Du willst hoffen. Aber Hoffnung ist nichts für Leute wie uns. Hoffnung ist für jene, die es sich leisten können, enttäuscht zu werden. Hoffnung ist für jene, die es sich leisten können, zu lieben. Hoffnung ist für Narren."
"Und ich bin kein Narr." sage ich.
"Nein." sagt die Stimme "Das bist du nicht."