Mittwoch, 5. Oktober 2011

A moment you felt the most satisfied with your life

Wie angekündigt, beantworte ich heute eine der stupiden Fragen, die sich irgendein siebzehnjähriges, extrem tiefgründiges Wesen, vermutlich irgendwo im Mittleren Westen der USA, an einem regnerischen Herbsttag ausgedacht hat, während im Hintergrund Avril Lavigne oder sonst was vergleichbar rebellisches lief.

A moment you felt the most satisfied with your life.

Vor mehreren Monaten, als ich formspring noch als interessant erachtete, fragte mich jemand, welches Jahr meines Lebens ich gerne noch einmal wiederholen würde. Es war die einzige Frage, die ich nicht beantwortet habe, denn ich wusste beim besten Willen keine Antwort. Tagelang habe ich auf diese Frage gestarrt, die irgendjemand vermutlich an Dutzende Leute gestellt hatte, ohne sich groß Gedanken zu machen. Kurze Zeit später habe ich den Account stillgelegt.

Ich bin nun 29. Je nachdem ist die Hälfte meines Lebens um. Wenn ich Glück habe (oder Pech, das hängt von der Sichtweise ab) erst ein Drittel. Vielleicht werde ich nächste Woche in Edinburgh von einem Bus überfahren. Vielleicht rutsche ich in London auch auf einem gebrauchten Kondom aus, falle in die Themse und ersaufe wie Knut in seinem Planschbecken. Wie auch immer. Ich wüsste nicht, welches Jahr meines bisherigen Lebens, das jederzeit vorbei sein könnte, besonders wiederholenswert gewesen wäre. Und das ist nach fast dreißig Jahren Lebenszeit ein wenig traurig.

Aber dann fiel mir zumindest ein Sommer ein. Ein einziger Sommer, in dem ich für kurze Zeit so etwas wie.. puh.. Glückseligkeit verspürt habe? Darf man den Begriff außerhalb eines buddhistischen Meditationszentrums überhaupt verwenden?

Zwei Monate meines Lebens, in denen ich eine so tiefe Zufriedenheit verspürt habe, wie nur selten in meinem Leben.

August 2002. Ich bin in Namibia, weit im Süden des Landes. Das, was der gemeine Europäer als Stadt bezeichnen würde, ist mehrere Autostunden entfernt. Namibia ist im Großen und Ganzen dasselbe wie Südafrika, nur ohne Menschen und Städte und ohne die Vergewaltigungsweltrekorde. Also ein ganz netter Ort eigentlich. Besonders wenn man keine Menschen mag. Was bei mir ja bekanntlich der Fall ist.

Ich arbeite in diesem Sommer nahe des Fish River Canyon im Junior Management einer Lodge (was im Grunde nur hieß, dass ein kleiner Haufen weißer Menschen einem größeren Haufen nicht-weißer Menschen sagte, was sie machen sollen). Die Arbeit machte mir Spaß (so sehr, dass ich 2004 auf die völlig bescheuerte Idee kam, eine Ausbildung als Hotelfachfrau zu beginnen) und hinzu kam, dass ich mit meinem damaligen Freund zusammenarbeitete.

IMG 2166

Und da sitze ich nun, eines Abends, mitten in der Wüste, auf der Terrasse des Restaurants, von pechschwarzer Nacht und roten Felsen umgeben, über mir der pralle Mond und in meiner Hand ein Cognakschwenker mit Amarula auf Eis.

Und es war dieser Moment. Dieser kurze Moment, in dem ich plötzlich, voller Verwunderung und Irritation feststellte, dass ich glücklich war. Ich hatte kein Fernsehen, kein Internet, kein Radio, kein Tall Moccha Frappuccino und es war egal. Denn ich erkannte in jenem Moment, dass glücklich sein für mich nur eines bedeutete: Nichts zu wollen. Ein Zustand, in dem das ständige Verlangen nach etwas einfach aufhört. In dem das Jagen, der Durst nach den vagen Dingen, von denen man glaubt, dass man sie braucht, dass sie und nur sie einen glücklich machen können, für einen kurzen Moment stillsteht.

Das sind Momente wahrer Zufriedenheit. Seltene Momente. Kostbare Momente.

Momente, wie ich sie in den nächsten 29 Jahren gerne häufiger erleben würde. Vielleicht auch mal über einen längeren Zeitraum hinweg - damit ich das nächste Mal, wenn mir jemand diese Frage stellt, eine Antwort darauf geben kann.