Samstag, 22. Oktober 2011

Kochen ist Heimat

Ich bin kein großer Koch. Was einfach daran liegt, dass ich nicht einsehe mehr Zeit in die Vorbereitung einer Sache zu investieren, als ich schlussendlich brauche, um besagte Sache zu essen.
Und da ich ein schneller Esser bin und mir aufgrund einfacher Mathematik somit alles zu lästig ist, was länger dauert als Nudeln zu kochen, reduzieren sich meine Kochfähigkeiten auf einfache Pastagerichte und zahllose Variationen von Ei.

Dennoch.. auch mir wird es nach dem zehnten Rührei-Cous-Cous-Ketchup-mit-Brot-Gelage manchmal ein wenig fad und da auswärts essen gehen auf Dauer ein bissel teuer wird, müsste ich mich eigentlich hin und wieder in mein Schürzchen schmeissen und das Kochlöffelchen schwingen. Nur habe ich nie wirklich gelernt zu kochen. Ich meine, richtig zu kochen. Inwiefern da mein Erlebnis von dem Pflaster im Milchkarton im Kochunterricht an meiner Schule eine Rolle gespielt hat, sei mal dahin gestellt. Wie auch immer, ich hab's nie wirklich gelernt und nun stehe ich hier mit fast dreißig und meiner Ketchup-Flasche.

Daher fand ich es anfangs auch gar nicht schlecht, als man meinte: Komm' nach Schottland, schmeiss den Haushalt, bespaß' den Krümel und dann kochst du auch für uns.. ach, du kannst nicht kochen?.. Ja, dann bring ich dir das bei!!

Ich dachte so: Joa. Klingt gut.

Jetzt gab es hier offenbar nur ein kleines Kommunikationsproblem. Denn, wenn ich 'Kochen' sage, nun, dann meine ich auch 'Kochen' und leider scheint heutzutage 'Kochen' ein Synonym für 'Lebensmittel zubereiten, die soweit wie nur irgendmöglich schon vorbereitet wurden und die selbst ein Bonobo-Affe im Wachkoma zubereiten könnte' zu sein.

Und da liegt das Missverständnis. Die drei Schritte, die auf der Rückseite einer Maggi- oder Knorr-Tüte stehen, kann ich auch selbst befolgen. Es ist kein Kunststück Brokkoli zu kochen, Tüteninhalt mit Wasser zu vermischen, alles in eine flache Auflauchform zu geben und mit Gratinkäse zu beglücken. Ich hatte Bio-LK und die Experimente, die wir da durchgeführt haben, waren durchaus anspruchsvoller. (Ich möchte an dieser Stelle, Rudi, das sezierte Rinderauge grüßen: Wo immer du jetzt auch bist, ich hoffe, es geht dir gut.)

Natürlich könnte man jetzt sagen: "Hä? Aber du hast doch da oben gesagt, dass du eben nun mal nicht stundenlang in der Küche stehen willst und dafür ist die Fertigscheisse doch perfekt!" 

Zum einen: Klugscheisser kann auch im Jahr 2011 niemand leiden.

Zum anderen: Lasst es mich erklären.

Wenn ich an Kochen denke, denke ich an meine Kindheit. Ich denke an stundenlanges in der Küche sitzen, auf übergroßen Stühlen, die Beinchen, viel zu kurz, baumeln vergnüglich in der Luft, die Augen sind wie hypnotisiert auf Oma gerichtet, die tonnenweise Kartoffeln schält. Ich denke daran, wie ich dabei helfen durfte, Dicke Bohnen aus den Schoten zu fummeln, an Kochtöpfe, die im Hintergrund klappern und zischen, an den Geruch von Pfannkuchen, der tagelang in der Luft hing. Ich denke daran, wie ich beim Hereinplatzen in die Küche, plötzlich meiner Tante gegenüberstand, die einen Hasen häutete. Ich denke an selbstgeschossenes Wild, an ausgenommene Fische, an den süß-würzigen Geruch von Rheinischem Sauerbraten, der einem schon an der Straßenecke entgegenkommt.


Und vor allem: Nirgendwo Suppen aus Tüten, Pfannkuchenteig aus Tuben, keine Salatmischung aus Plastikbeuteln, kein vorgewürztes und eingelegtes Fleisch, dessen ursprüngliche Farbe man nur erahnen kann, keinen Tiefkühlfisch, keine Croissants aus Dosen oder eingeschweißte Brötchen zum Aufbacken, und vor allem keine Kuchen aus Kartons von irgendeinem Dr. Oetker.

Kochen, das ist nun mal mehr als nur eine Tüte aufzureißen und mit kochender Milch zu verrühren und das Ganze dann Grießbrei zu nennen.

Kochen, das ist Kindheit. Das ist Familie. Das ist Heimat.