Samstag, 1. Oktober 2011

Ich bin käuflich

Was tut man nicht alles für Geld? Ich dachte immer, es gäbe Grenzen bei mir, die ich nicht überschreiten würde. Moralische Grenzen. Prinzipien. Werte.

Und nun seht mich an. Ich sitze hier. Auf einer Terrasse mit direktem Blick auf den Zürichsee, in der gleißenden Sonne und spiele (ich kann es kaum aussprechen..) mit einem Kind. Wie, um Himmels Willen, konnte es soweit kommen? Reicht ein Hin- und Rückflugticket, ein eigenes Zimmer mit W-Lan, Verpflegung, freie Abende und freie Wochenenden, ein Haufen Geld und die Aussicht auf drei Tage Zürich und fast vier Wochen Edinburgh aus, um mich zu kaufen?

Bin ich am Ende das: Käuflich? Nichts anderes als eine kleine Nutte? Schon 2010 wurde mir ein Wochenende in einem Hotel in Berlin spendiert, nur (und jetzt kommt's), damit ich auf der Autofahrt den Unterhalter spiele. Dass ich auf der Rückfahrt in den Audi gekotzt habe, war eine Gratis-Zugabe meinerseits.

Ich kehre meinem heißgeliebten Berlin für einen erneuten Monat den Rücken, nur um - Oh Gott! - zu arbeiten und Geld zu verdienen, fast ekle ich mich vor mir selber.

Also werde ich kleine Nutte die nächsten Wochen mit dem verbringen, worauf man mir die letzten zwei Tage einen kleinen Vorgeschmack gegeben hat: Rumtoben, mit Playmobil spielen, den Krümel Huckepack tragen, Kinderlieder singen, Kinderwagen durch die Gegend schieben und ohne Vorwarnung ständig umarmt werden. Ich bin zu bedauern. Wahrlich.

Kinder sind völlig irrational, sie reden undeutlich, glucksen, packen einem an die Möpse, weil sie versuchen ihren Teddy in meine Bluse zu stecken, verhalten sich völlig unangebracht, wenn man ihnen Wodka oder Kaffee in die Flasche mischt, schmeissen sich in Kaufhäusern auf den Boden, um dort zu schlafen, brechen ohne Grund in hitlereske Lachflashs aus und machen mit ihrem Spielzeug verstörende Dinge, wie das hier:

IMG 2113

Gestern z.B. hat mir der Krümel frontal seine kleine Kinderfaust in die Fresse geschlagen, weil ich ihm nicht meine EUR 300,00 teure Brille zum Spielen geben wollte. Ein Alltag geprägt von roher Gewalt und unter Missachtung des zivilisierten Beisammenseins. Auf dem Straßenstrich in Moskau geht es nicht anders zu. Und da amnesty international bisher auf meine Nachrichten nicht reagiert, bin ich diesem Kreislauf von Ausbeutung und Gewalt ausgeliefert - na ja, zumindest bis zum 29. Oktober. Denn wie eine mexikanische Illegale, die von den Schleusern erst ihren Pass wieder zurückkriegt, wenn sie ihre Schulden beglichen hat, muss auch ich bis dahin ein bemitleidenswertes Dasein zwischen Pampers, Teddybären und Kartoffelbrei führen.

Und dabei muss ich stets daran denken, wie Dylan Moran das Phänomen Kleinkind doch so passend zusammengefasst hat:

Dass der Mann gerne leicht betrunken sein Programm auf der Bühne absolviert, sehe ich als von seinen eigenen Kindern verschuldet an. Bei mir fehlt auch nicht mehr viel und ich trinke den Wodka selber, statt ihn dem Krümel in den Karottensaft zu schütten. Vermutlich werde ich als Alkoholiker nach Berlin zurückkehren.

Obwohl ein ernsthaftes Drogenproblem meinem Image als erfolgloser Künstler sicherlich zugute kommen würde.. Es hat also doch am Ende immer alles irgendwie was Gutes..