Freitag, 28. Oktober 2011

Es wird Zeit

Es ist mild. Es war den ganzen Oktober mild. Man hatte mir mit Schnee gedroht. Mit eisiger Kälte. Regen. Und natürlich Nebel. Was wäre diese Insel ohne Nebel? Aber nüschts davon. Gut, zwischendurch fröstelte es mich etwas und es gab diese eine Nacht, in der ich mich nach Stalingrad und nach seinen wohligwarmen Temperaturen sehnte, aber es gingen keine Gliedmaßen verloren, die man am nächsten Tag nicht mit viel gutem Willen, Spucke und ein wenig Uhu wieder hätte anbringen könnte. Das Wetter war also ein Träumchen.

Und die Stadt selbst. Ebenfalls ein Träumchen. Ignoriert man, dass die Gegend hier offenbar so etwas wie der Prenzlauer Berg Edinburghs ist (nur ohne die stillende Brüsteparade bei Starbucks), ist es hier ganz wundervoll. Die Häuser wie aus einem Guss, wie aus einer anderen Zeit. Was daran liegen mag, dass sie aus einer anderen Zeit stammen. Alles ist ein wenig wie verzaubert, alles ist sauber, alles ist schön. Selbst die Menschen.

Nicht alle zweifellos. Manche, wenige, sehen auch aus, als kämen sie gerade von einer Neuauflage von Little Britain.

Ich sehe dann diese Menschen an, lächle sie an, betrachte ihr üppiges Sitzfleisch, die fettigen Haare, die 2 kg Make Up, die alles verschlimmern und nichts verbessern, das Plastik, in das sie ihre Leiber füllen, zwängen und quetschen und denke liebevoll an Berlin.

Diese hässlichen Menschen sind der einzige Makel an einem sonst so perfekt erscheinenden Edinburgh.

Ein Makel, der mir schmerzlich fehlt.

Mir fehlt der Dreck auf den Straßen. Tonnen von fest getretenem Kaugummi. Angetrocknetes Erbrochenes. Hundekot. Taubenkot. Volle Bierflaschen, die mit Wucht und Hass aus der Tram geschmissen werden, weil der Fahrer nicht freundlich genug darauf hinweist, dass Alkohol in der BVG nicht so super gern gesehen ist. Ich vermisse die Motzfressen an der Supermarktkasse. Ich vermisse das verbitterte Schweigen, das stoische Verweigern eines "Guten Tag." "Guten Abend." "Möchten Sie eine Tasche?" "Vielen Dank für Ihren Einkauf." "Auf Wiedersehen." Ich vermisse den Busfahrer, der seit der Wende keinen Sex mehr hatte und gefrustet versucht durch seinen Fahrstil alle Insassen inklusive ein paar Touris auf den Straßen umzubringen. Ich vermisse brennende Autos. Ich vermisse eine S-Bahn, die nicht kommt. Ich vermisse meinen Bezirk, in dem Dinge wie Starbucks und Dunkin' Donuts fabulöse Märchenwesen aus dem Westen sind. Ich vermisse prachtvolle Sonnenuntergänge, die die Stadt blutrot, lila, orange und pink färben. Menschen, die in der Bahn Molière und Kafka lesen. Menschen mit munter rasierten Dreiecken in den Schläfen und Omas Pelzmantel auf den Schultern. Ich vermisse Menschen, die nicht alle gleich aussehen, sondern als ob sie eine Geschichte zu erzählen hätten.

Ich vermisse die Vielfalt.

Ich vermisse den Makel.

Ich vermisse Berlin.

IMG 1672

Es wird Zeit nach Hause zu gehen.