Samstag, 15. Oktober 2011

Der alte Mann und der Fahrradhelm

Er hat es provoziert, werden die Leute sagen. Geschah ihm Recht, werden sie sagen. Selbst schuld, wird selbst der Pfarrer im Trauergottesdienst sagen und dann merken, dass ihm keiner zuhört, weil keiner gekommen ist, weil eben niemand zur Beerdigung eines Mannes kommen will, der selbst schuld war. Der Pfarrer wird seufzen, ein paar Minuten mit leerem Blick auf die leeren Bänke gucken, die Katze entdecken, die sich irgendwie reingeschmuggelt hat, um neben dem aufgebahrten Sarg ihre Jungen zu werfen, und zu ihr sagen: "Na, wenigstens eine, die gekommen ist." Und die Katze wird sich mit der Kralle an die Stirn tippen und dann auf ihre mit Blut und Uterusschleim bekleckerten Jungen zeigen und der Pfarrer wird "Mein Fehler!" sagen und gehen.

Irgendwann, nach ein paar Tagen wird ihm einfallen, dass der Sarg immer noch in der Kirche steht, und er wird ein paar Jugendliche mit Bier bezahlen, damit sie ihn zum Friedhof tragen. Es wird viel Bier sein müssen, denn auch sie werden wissen, dass er selbst schuld gewesen war. "Einfach in irgendein Loch! Irgendeins ist immer offen!" wird der Pfarrer ihnen noch hinterher rufen, bevor er in seine Kammer geht, um sich den Intimbereich zu rasieren. Die Jugendlichen werden den Sarg zum Friedhof bringen, ein Loch suchen und bevor sie den Sarg reinhieven, werden sie ihn noch kurz aufmachen und den albernen Fahrradhelm, den er immer noch tragen wird, von seinem Kopf nehmen. Und als sie gehen wollen, wird der Kleinste von ihnen fragen: "Müssen wir nicht noch etwas sagen? Irgendwelche letzten Worte?" "Er hat es provoziert." wird der Älteste antworten. "Ist das ein Zitat aus der Bibel?" wird dann der Kleinste fragen und der Älteste wird nicken: "Ja, aus dem Neuen Testament. Das haben damals schon alle zu Jesus gesagt." Und sie werden gehen und sich nicht umdrehen.

So wird es enden.

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Und so wird es beginnen:

Ein leichter Nebel lag über der Stadt, doch der alte Mann war sicher, dass die Sonne im Laufe des Tages noch herauskommen würde. Es war ungewöhnlich mild für diese Jahreszeit in Berlin und der alte Mann wollte jeden Sonnenstrahl nutzen, bis der Winter die Stadt, unbarmherzig wie ein ukrainischer Zuhälter, in den Würgegriff nahm. Er setzte seinen Fahrradhelm auf, den ihm seine Frau vor sechs Jahren geschenkt hatte, bevor sie mit Ole, dem Pilatestrainer, nach Spanien durchgebrannt war, und ging nach draußen. Es war frisch und mit Erleichterung stellte er fest, dass er dieses Mal eine Hose trug. Ein viertes Mal darf mir das nicht passieren, dachte er. Die Bewohner seines Bezirkes reagierten aufgrund dieser Vorfälle inzwischen schon leicht panisch, wenn sein Fahrradhelm irgendwo am Horizont zu sehen war. Sie hatten auf grausame Weise lernen müssen, dass es besser war immer danach Ausschau zu halten, damit sein Anblick sie nicht unvorbereitet traf. Kleinkinder waren auf diese Weis schon zu Salzsäulen erstarrt, junge Frauen hatten sich in die Spree geworfen und alle anderen hatten es vorgezogen sich schlicht und einfach die Augäpfel mit Salatbesteck herauszuschälen.

Doch der alte Mann dachte gar nicht daran, welches Unglück er durch seine bloße Existenz über Berlin brachte. Er dachte generell nicht sehr viel. Stattdessen streichelte er zärtlich über sein Fahrrad, der letzte Freund, der ihm noch geblieben war. Das Fahrrad wünschte sich manchmal, es wäre kein Fahrrad, sondern ein Pony, damit es weglaufen konnte. Oder vielleicht ein Hund, um zumindest beim Herannahen der 4711-Wolke, die den alten Mann seit Ewigkeiten wie eine Krankheit umgab, brechen zu können. Aber das Fahrrad war ein Fahrrad und es wusste, dass es bis zum Ende seines Daseins den unsittlichen Berührungen des alten Mannes ausgeliefert war.

Der alte Mann schwang sich auf sein Fahrrad und radelte los. Er sog die frische, kühle Oktoberluft des nahen Waldes tief in seine halbfossilen Lungen ein und könnte er für eine Sekunde verdrängen, wie trostlos und traurig sein Dasein war, würde er in eben dieser Sekunde vielleicht sogar lächeln. Er liebte Berlin. Er hatte es zu lieben gelernt, denn er wusste, dass keine andere Stadt ihn jemals aufnehmen würde. Hier würde er für den Rest seines Lebens leben, hier würde er sterben und hier würde er im Kreise seiner Liebsten sicher eines fernen Tages beerdigt werden. Unter einem Meer von Vergiss-mein-nicht, die seine Frau, die sich bewusst werden würde, welch Fehler es war, ihn zu verlassen, pflanzen und jeden Tag hegen und pflegen würde.

Auf einmal erschrak der alte Mann. Ihm war als hätte er hinter sich ein Geräusch im Unterholz gehört. Er bremste ab und starrte minutenlang angestrengt in die Richtung, aus der das vermeintliche Geräusch gekommen war. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er wusste, dass es nicht sein konnte, dass er sicher war. Noch. Er hatte es im Kalender eingetragen. Noch 14 Tage. Sie würde erst in 14 Tagen wiederkommen und bis dahin wäre er sicher. Weitere Minuten verstrichen, aber nichts rührte sich. Sicherlich eine Maus, dachte er, oder ein Kaninchen. Er setzte seinen Weg fort und war so damit beschäftigt über sich selbst den Kopf schütteln, dass er den Schatten, der sich mit ninjagleicher Eleganz parallel zu ihm bewegte, nicht bemerkte. Er bemerkte auch nicht die angefeilten Glasscherben, die sich nur wenige Meter vor ihm befanden. Sowenig wie die Tapirfalle, die sich daneben befand.

Und dann geschah alles ganz schnell, die Reifen seines ohnehin suizidgefährdeten Fahrrads platzten wie ein Kürbis auf den man mit einer Kalashnikov schießt. Der alte Mann verlor die Kontrolle und wirbelte durch die Luft. Kurz bevor er wie Sack Steine durch das Blätterwerk der Tapirfalle schoss, sah er sie. Sie stand an einem Baum gelehnt und guckte ihn seelenruhig an. Als ihre Blicke sich trafen und er sich in einem seltenen Moment der Klarheit bewusst wurde, dass es nun zu Ende war, dass sein Ende gekommen war, lächelte er. Anschließend stieß er mit dem Fahrradhelm gegen die angespitzten Pfähle in der Grube. "Aua." sagte er und rieb sich den Helm.

"Was tust du da?" Sie stand plötzlich über ihm am Rand der Falle. "Wieso kannst du nicht wie jeder andere einfach sterben?" Der alte Mann zuckte mit den Achseln, soweit ihm das mit seinen gebrochenen Knochen möglich war. Sie zog an ihrer Pfeife und stöhnte gequält, während sie ihre Winchester aus dem Rucksack holte. "Halt still." sagte sie "Ich hab schließlich nicht den ganzen Tag Zeit. Ich muss die Mittagsmaschine zurück nach Edinburgh erwischen. Wenn ich sie wegen dir verpasse.." Sie stockte kurz. Morddrohungen gegenüber jemandem, den sie im Begriff war zu ermorden, erschienen irgendwie überflüssig. Stattdessen schwieg sie, legte an und schoss.

Anschließend steckte sie die Winchester wieder zurück, stopfte ihre Pfeife und stieg schließlich auf sein Fahrrad und fuhr auf bloßen Felgen davon.

Und im Wegfahren hörte man sie leise murmeln: "Du hast es provoziert."

 

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