Freitag, 9. September 2011

Nicht mehr mein Bonn

Der Bus trottet im Schneckentempo Richtung Stadt. Kölnstraße. Da, wo in Bonn die Schönen und Reichen wohnen. Nicht. Eher da, wo in Bonn 'Mitten im Leben' gedreht wird. Dennoch.. angesichts abgefuckter Supermärkte, Gemüsehändler mit zweifelhaften Hygienevorstellungen und einer Bevölkerung in Adidas-Schnellfickerhosen breitet sich schon jetzt ein leises Gefühl von Wehmut aus. Schön isses hier, denke ich. Also jetzt nicht unmittelbar in der Kölnstraße, aber dahinter. Jenseits der Demarkationslinie, auch als Bertha-von-Suttner-Platz bekannt.

Bonn lebt unter einer Glaskuppel. Wir wissen, was außerhalb der Stadtgrenzen passiert, und ja, wir wissen auch, dass wir keine Hauptstadt mehr sind, aber das ist egal. Wir sind noch Bundesstadt. Und wir sind wunderschön. Wir sind klein und schnuckelig. Unsere Innenstadt rund um Beethovenhaus, Rathaus, Uni und Münster ist zum Niederknien und wir haben den Rhein. Nicht die Spree oder andere Wasseransammlungen, die sich aufgrund wahnwitziger Definitionen Flüsse nennen dürfen.

Wir. Haben. Den. Rhein.

Breit, mächtig, reißend windet er sich durch die Stadt, trennt die Beueler, die schäl sick, die Sonnenseite, vom geschäftigen Treiben der City. Einmal im Jahr droht der gesamten Bevölkerung der Weltuntergang in flüssiger Form, wenn der Fluss sich in einer manischen Phase für den Nil hält und größenwahnsinnig versucht alles unter sich zu begraben. Doch spätestens im Sommer ist das stets vergessen, wenn wir in die Biergärten strömen, die stets hautkrebswillige Kölschkonsumenten aller Altersstufen willkommen heißen.

Der Bus ruckelt über die Brücke. Hallo Beuel. Hallo Claudia. Hier ist Olivotti zu Hause. Das Eiscafé, zu dem wir nach Schulschluss im Sommer immer gefahren sind. Hier ist die Filmbühne, wo ich als Kind meinen allerersten Kinofilm gesehen habe. Oder die Brotfabrik, wo ich mich mit Ronja Räubertochter vor barbusigen, kreischenden Vogelfrauen fürchtete. In Bonn habe ich Fahrrad fahren gelernt. In Bonn bin ich auch mit dem Fahrrad gegen einen stehenden LKW gefahren, weil ich es für eine gute Idee hielt, mit geschlossenen Augen zu fahren (wurde später in einem Film mit Meg Ryan aufgearbeitet). In Bonn habe ich vieles zum ersten Mal gemacht. Nicht alles. Aber das meiste.

Ich steige aus dem Bus aus und bemerke zum ersten Mal wirklich, wie verdammt grün es hier ist. Hier unter der Glaskuppel. Ich krame in meiner Tasche nach dem Haustürschlüssel, während ich einer der zwölfzigtausend uralten Nachbarinnen, deren Name ich mir in elf Jahren nicht merken konnte (wollte), und die aus ihrer Gruft gekrochen kommt, um sich am Blut von Vorschulkindern zu laben, zunicke. Wie ein junges Reh mit Rheuma hüpfe ich in den zweiten Stock und inspiziere mit preußischer Präzision die Arbeit der Maler, die meine Wohnung gestrichen haben. Leer ist es hier. Größer aussehen tut es trotzdem nicht.

Für einen kurzen Moment stehe ich auf dem Mini-Balkon meines Mini-Appartements und lasse mir den Wind ums Näschen wehen. Doch dann wird mir bewusst, dass das hier nicht mehr mein Mini-Balkon ist. Nicht mehr mein Mini-Appartement. Nicht mehr mein Bonn. Ich bin nur noch Gast.

Zuhause, das ist jetzt Berlin.