Freitag, 5. August 2011

Report No.1

Montag, 1. August 2011

Liebes Tagebuch,

ich bin Berlin. Finally. Verdammte Kacke. Nach sechs Stunden Autofahrt betrete ich mein Domizil für die nächsten Wochen. Je nachdem wen man fragt, liegt ebendieses in Tiergarten und/oder Charlottenburg. Es gibt kaum etwas, was mir noch egaler ist. Ich schmeiße meine Sachen in die Ecke, wälze mich in Parfüm, tape die Brüste und rase nach Steglitz, wo um 16h eine Wohnungsbesichtigung stattfinden soll.

Und was soll ich dir sagen, liebes Tagebuch, wenn ich früher von Steglitz gesprochen habe, war es als Synonym für die Schloßstraße gedacht, aber offenbar ist da noch ein weiteres Steglitz. Ein Steglitz ab vom Schuss. Weit ab vom Schuss. Nach gefühlten drei Stunden Fußmarsch stehe ich vor einem Haus, dessen Fassade seit der Weimarer Republik keinen Anstrich mehr gesehen hat. Im Rollladenkasten brütet munter eine Horde Bienen. Ich versuche es optimistisch zu sehen und sehe mich Unmengen an Geld für Honig sparen, wenn ich es richtig anpacke.

Die Wohnung von innen ist dann eher.. na ja.. eher so.. bäh. Gefrustet laufe ich die 5.927km zurück zur Schloßstraße und verschanze mich mit einer Riesenportion Sushi in der Ahornstraße. Und mit T4 im Magen verspüre ich für einen kurzen Moment so etwas wie Glückseligkeit in meinem dunklen, schwarzen Herzen.

IMG 1684

 

Dienstag, 2. August 2011

Liebes Tagebuch,

heute morgen war ich an einem Ort, der sich Ostseeviertel nennt. Wer die Entscheidung getroffen hat, diese Ecke zu erschaffen und sie so zu nennen, ist mir nicht bekannt, ich stelle aber dennoch einfach mal intuitiv seinen Geisteszustand in Frage. Es ist kaum vorzustellen, dass es Bezirke gibt, die noch weiter außerhalb liegen. Und die auf die Fassaden gemalten Möwen und Strandkörbe erwecken bei mir nur rudimentäre Erinnerungen an Timmendorf und Co.

Wohnungsbesichtigungstechnisch sind weitere Ausführungen überflüssig. Ich fahre mit der Tram zum Alex, mische mich unter ein Rudel asiatischer Touristen und knipse euphorisch glucksend den Fernsehturm.

Später geht es noch nach Charlottenburg zu einer weiteren Wohnung, die in ihrer ästhetischen Beschissenartigkeit kaum noch zu überbieten ist. Eine leise Stimme in meiner Großhirnrinde flüstert "Tja, in Bonn wäre das nicht passiert. Das ist Berlin. Hier herrschen Kot und schwarzer Schimmel."

Abends liege ich im Bett, starre auf meine umfangreiche Fotosammlung von Fernsehturmfotos und versuche die aufkeimende Panik runterzuschlucken, ohne daran zu ersticken.

IMG 1672

 

Mittwoch, 3. August 2011

Liebes Tagebuch,

um meine Sammlung seltsamer Bezirke, in denen keiner wirklich leben will, zu erweitern, verschlägt es mich am Morgen nach Hohenschönhausen, wo ich zwei Wohnungen besichtigen darf. Tatsächlich finde ich die zweite gar nicht so beschissen. Also im Vergleich zu den dreien insgesamt davor. Ich lasse mir eine Option für eine Woche einräumen und teste todesmutig in dem nahegelegenen Einkaufscenter die öffentlichen Toiletten, bevor ich nach Potsdam fahre.

Dort treffe ich in einem uralten Gebäude, das mir einen Eindruck davon vermittelt wie die Uni Bonn aussähe, würde man sie nicht regelmäßig renovieren und streichen, meinen zukünftigen Doktorvater. Wir sind uns schnell einig, dass ich toll bin, mein Thema toll ist und sowieso alles ganz toll ist. Ich fahre ein wenig beschwingter wieder zurück nach Berlin, genauer gesagt nach Köpenick, wo ich mir die Füße blutig laufe. Viel anstrengender dürfte die Flucht 1945 aus den Ostgebieten auch nicht gewesen sein.

An diesem Abend versuche ich mir Hohenschönhausen schön zu reden und schreibe mit Edding in riesigen Ghettoartigen Lettern "I put schön in Hohenschönhausen!" über das Kopfende des Bettes.

IMG 1692

 

Donnerstag, 4. August 2011

Liebes Tagebuch,

der Wohnungsmarathon geht weiter. Vor einer Wohnung in Schöneberg finde ich mich zusammen mit hundertzwölfzig anderen Studenten und einem vierzigjährigen Herrn mit gewagtem Scheitel über dem rechten Ohr und Pollockanmutenden Flecken auf der Hose ein. Die Wohnung an sich ist gar nicht so schlecht, jedoch reduziert sich mein spontan aufwallender Optimismus, als ich mitbekomme, dass eine junge Dame anwesend ist, die sich die Wohnung nicht nur schon einmal angesehen hat, sondern auch schon den Mietvertrag zuhause liegen hat und ihn nur noch unterschreiben muss. Aber sie wollte sich die Wohnung halt noch einmal ansehen. Das war der Grund, warum alle anderen an diesem Morgen völlig umsonst nach Schöneberg pilgern durften. Ohne es groß abzusprechen, töten wir sie lautlos.

Ich watschel missmutig zu meinem Lieblingscafé ein paar Straßen weiter, belohne meinen strapazierten Körper mit einem Latte Macchiato und Erdbeerkuchen, bevor ich im strömenden Regen nach Neukölln fahre. Und nun erlebe ich eine Überraschung. Die Ecke dort erinnert mich an meine Zeit in Moabit, es riecht sogar ähnlich. Ich fange an zu lächeln, was auf andere befremdlich wirkt, weil mein Gesicht an diese Tätigkeit nicht gewöhnt ist. Die Wohnung selbst ist nicht sehr groß und verfügt nur mit sehr viel Fantasie über rechte Winkel, aber ich mag sie und schleime bei der Maklerin als ginge es um mein Leben.

Vielleicht, liebes Tagebuch, gibt es in dieser riesigen Stadt mit ihrer zweifelhaften Hygiene und Ästhetik doch tatsächlich einen Ort für mich, den ich mein Zuhause nennen kann. Und selbst, wenn ich die Neuköllner Wohnung nicht bekomme: Es gibt zumindest Hoffnung.

IMG 1686

 

Freitag, 5. August 2011

Liebes Tagebuch,

gestern wurden im Wedding zwei Frauen erschossen. Der Pessimist in mir sagt: "Oh, gefährliche Ecke, da ziehen wir aber nicht hin!", der Optimist hingegen sagt: "Oh, dann sind ja jetzt zwei Wohnungen frei."

Obwohl meine Wohnung nicht soooo weit vom Wedding entfernt liegt, braucht der Bus eine gefühlte Ewigkeit bis er ankommt. Ich hasse es in Berlin Bus zu fahren. Wenn ich Bus fahren will, kann ich auch in Bonn bleiben.

Bei der ersten Adresse gibt es gleich Wohnungen zu bestaunen. Bei der ersten gibt es vor allem einen enormen Wasserschaden in der Küche und ein hygienisch fragwürdigen Teppichboden zu bestaunen. Die zweite Wohnung ist etwas besser. Zumindest wenn man auf Dielenboden in der Farbe 'Ochsenblut' steht. Aber nach fünf Tagen könnte ich selbst damit leben.

Die dritte Besichtigung findet ebenfalls in Wedding statt. Laut meiner iPhone App sind es 3,2km bis dorthin, die man entweder in 40 Minuten zu Fuß oder in über einer Stunde (dank mehrfachen Umsteigens) mit dem ÖPNV bewältigen kann. Ach, liebes Tagebuch, ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber ich entschied mich für ersteres. Ich kann das ja nicht oft von mir sagen: Aber heilige Scheisse, das war ja mal 'ne verdammt beschissene Idee!!

Während ich mit tauben Beinen und Chucks, aus denen das Blut läuft, stöhnend und weinerlich durch Wedding tapse, treffe ich plötzlich auf @schmidtlepp, der mein Wahlverhalten in Frage stellt. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt nicht schon ca. zwei Liter Blut verloren, das mir nun im Gehirn fehlt, hätte ich ihm gehörig die Meinung gesagt.

Irgendwann später treffe ich bei Wohnung No.3 ein. Ich bin hellauf begeistert. Genauso wie die 17.269 anderen Interessenten. Ich lasse mir die Bewerbungsunterlagen geben, fahre nach Steglitz zu Dunkin' Donuts, kaufe alle Boston Cremes, die sie vorrätig haben, düse nach Hause, vergrabe mich mit den Donuts, Milchkaffe und Jonathan Safran Foer unter meiner Bettdecke und lausche, wie der Regen monsunartig gegen die Fenster klatscht. Und ich schwöre, liebes Tagebuch, die nächsten zwei Tage werde ich mich so wenig bewegen, wie nur irgend möglich.

IMG 1685