Samstag, 13. August 2011

Report No.2

Samstag, 6. August 2011

Liebes Tagebuch,

Wohnung suchen sucks und da ich langsam glaube, dass es selbst in Neu-Delhi mehr und vor allem schönere Wohnungen gibt, beschließe ich mir einen Tag Ruhe zu gönnen und mich hausfräulichen Pflichten hinzugeben, vor allem der Ur-Tätigkeit des Hausfrauendaseins: dem Wäsche waschen.

Es gibt zwar im Keller eine hauseigene Waschmaschine, aber ich besitze clevererweise keinen Schlüssel für die Tür, hinter der sich diese verbirgt, und die Kacknase im dritten Stock, bei der ich mir ebendiesen ausleihen könnte.. ist.. na ja.. eine Kacknase eben. Er scheint mir einer dieser typischen Berliner zu sein, die Zugezogene nicht ausstehen können, und solche mit Brüsten schon mal gar nicht, vermutlich weil er, und dies ist eine These meinerseits, resultierend aus dem langen Haar und dem interessanten Körpergeruch, selber schon länger keine anderen mehr außer seinen eigenen gesehen hat, geschweige denn anfassen durfte. Das und die Tatsache, dass er offenbar zu jener Bevölkerungsgruppe der gescheiterten Musiker gehört, vergrämt einen Menschen nicht selten.

Da ich versuche jegliche Kontaktaufnahme mit diesem Individuum zu verhindern, verschlägt es mich an diesem Samstag in den nahe gelegenen Waschsalon und seit der Wohnheimtage in Israel kam ich nicht mehr zu diesem zweifelhaften Vergnügen. Generell mag ich Waschsalons nicht, denn ich möchte meine Blusen nicht in Maschinen legen, in denen irgendein Homo Sapiens mit Hoden zuvor schon seine Schlüpper mit Bremsstreifen reingepackt hat. Vor die Wahl zwischen dem Idioten aus dem dritten Stock und meinen paranoiden Hygienebedenken, überwinde ich dann doch lieber letzteres, als mit ersterem zu sprechen.

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Sonntag, 7. August 2011

Liebes Tagebuch,

da sich das dumme wetter.com gegen mich verschworen hat und mir kackdreist ins Gesicht gelogen und gesagt hat, es würde heute regnen, so dass mein Besuch des Mauerpark-Flohmarkts ausfällt, sitze ich auf meinem Balkon und starre zornig in die Sonne.

Aber es gibt auch Lichtblicke. Die ungeheure Anziehungskraft meiner eigenen Persönlichkeit unterschätzend, bin ich überrascht, dass sich immer wieder Besuch ankündigt, der offenbar heilfroh ist, dass ich (O-Ton) endlich da wäre. Als Gast- und Begrüßungsgeschenk werden mir jedoch niemals Blumen oder Schokolade (Wink mit dem Zaunpfahl) überreicht, sondern stets Berliner Kindl, mit der Anmerkung, dass ich das jetzt für den Rest meines Lebens trinken muss. Offenbar ist die Stadt langfristig nicht ohne Alkohol zu ertragen und ich füge mich den Weisheiten derer, die schon länger hier verweilen.

Und so sitzen wir schließlich zu zweit auf dem Balkon, süffeln Bier und ducken uns vor vorbeilaufenden Passanten, die wir treffen, wenn wir eigentlich versuchen in die 10m entfernte Spree zu spucken.

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Montag, 8. August 2011

Liebes Tagebuch,

Ich. Habe. Keinen. Bock. Mehr.

Ist ja schön und gut, dass alle Leute mir erzählen, wie lange sie gebraucht haben, bis sie ihre Wohnung in Berlin gefunden hätten, Fakt ist: Ich bin kein geduldiger Mensch und diese Woche muss das Ganze zu einem Ende kommen.. no matter what.

Im Bewusststein eine spottbillige Wohnung im super angesagten Bezirk Hohenschönhausen in der Tasche zu haben und der Chance auf eine nicht ganz so tolle, dafür in Neukölln gelegene Wohnung, fahre ich heute morgen nach Köpenick, um mir zwei letzte Wohnungen anzusehen. Es werden die letzten Wohnungen sein, die ich mir hier anschauen werde, so mein trotziger Schwur, den ich mit einer Machete in den Sitz der S-Bahn schnitze.

Köpenick ist nicht wirklich in Berlin. Ich weiß, Wikipedia will einem da was anderes weismachen, aber seien wir ehrlich, Wikipedia ist nicht zu trauen. Köpenick ist vielmehr ein verwunschener Ort, etwa so wie Narnia, durch den man als Berliner nie mit Absicht gelangt. Jeder Berliner, der eigentlich in Mitte oder Kreuzberg wohnt, und den man in Köpenick trifft, wird einem erzählen, dass er aus Versehen in einen Schrank oder anderes Mobiliar gefallen ist und sich plötzlich hier wiedergefunden hat.

Will man nach Köpenick, und wollen tun das nur Touristen, fährt man vorbei an Stationen wie Rummelsburg und Wuhlheide, nur um an einen Ort zu gelangen in dem sich ein Müggelsee befindet. Dass man schließlich am S-Bahnhof Köpenick nicht an Gleis 9 3/4 aussteigt verwundert mich jedes Mal.

Die erste Wohnung liegt direkt in der Altstadt, fünf Minuten vom Rathaus entfernt, wo sich eine Heinz Rühmann Statue befindet, die sich als Hauptmann verkleidet hat. Leider sieht die Wohnung aus, als wäre ich selbst in einen Schrank gefallen, der zugleich eine Zeitmaschine war, und im Mai 1945 wieder ausgespuckt worden. Mit Renovieren hatte das Ganze nur herzlich wenig zu tun.

Ich versuche mich schon mal mit dem Gedanken nach Hohenschönhausen zu ziehen anzufreunden, und fahre zur zweiten, bzw. zur letzten Wohnung ever. Und als hätte Gott (ihr wisst schon, der, der eigentlich gar nicht existiert) Erbarmen mit meiner heidnischen Seele, führt er mich an ein Haus, das von außen hübsch ist, bei dem Einkaufszentrum und Tram direkt vor der Tür liegen und die eine Wohnung beinhaltet, zu der Keller, Balkon, Herd und Spüle und vor allem ein bezahlbarer Preis gehören. Ich fackel nicht lange, lasse die Wohnung für mich resevieren, schnappe mir alle Unterlagen und düse wieder nach Hause, um alles zu erledigen, um die Wohnung zu kriegen.

Liebes Tagebuch, wie es scheint, ziehe ich nach Köpenick!

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Dienstag, 9. August 2011

Liebes Tagebuch,

während mein Bürge damit beschäftigt ist, alle Unterlagen zusammen zu suchen, um den Eindruck zu verstärken, ich wäre der Mieter, den die DEGEWO haben will, treffe ich mich mit meinem Ex-Chef, der ebenfalls der Ex-Freund meiner Ex-besten Freundin ist, und seit einigen Monaten im ARD Hauptstadtbüro arbeitet.

Während ich auf ihn warte, grübel ich über meinen Promotionsunterlagen und versuche aus dutzenden Seiten handgeschriebener Notizen und Fragestellungen das Thema meiner zukünftigen Dissertation rauszuschälen. Wie schön war das doch damals im Studium, als man aus einer Liste von vorgegebenen Themen sich eines für seine Hausarbeit aussuchen durfte. Früher. Vor gut einem Monat.

Schließlich kommt der Ex-Chef und wir lästern über Berliner, an deren rüden Umgangston er sich bisher nicht gewöhnen konnte und über meine Gegentaktik der aggressiven Freundlichkeit und kommen zu dem Schluss, dass er mal sehen wird, ob sich bei ihm oder beim rbb vielleicht irgendwas deichseln lässt.

Während wir also so in Wilmersdorf sitzen, über meine Zukunftspläne reden und mir bewusst wird, dass ebendiese noch ziemlich vage sind, setzt sich Joachim Gauck auf's Nachbarsofa. Die Tatsache, dass mein Ex-Chef, als Vollblut-Journalist, der er nun mal ist, deswegen gluckst vor Freude und ich währenddessen denke "Eigentlich würdest du gerne putzen gehen und in der Freizeit schreiben und zeichnen...", führt mir vor Augen, dass ich mir mal dringend genauere Vorstellungen davon machen sollte, was ich eigentlich will. Vom Leben. So im Allgemeinen.

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Mittwoch, 10. August 2011

Liebes Tagebuch,

für heute weiß ich nichts zu berichten. Ich habe den Tag mit gepflegter Dekadenz verbracht, dem Waschsalons meines Vertrauens aufgesucht, erfahren, dass man Waschpulver weder essen, noch Weichspüler trinken sollte und weiß nun, dass der McDonald's von Köpenick aktuell keine Mitarbeiter braucht.

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Donnerstag, 11. August 2011

Liebes Tagebuch,

pünktlich um zehn finde ich mich wieder in Köpenick ein, um alle Unterlagen mit preußischer Perfektion abzugeben. Der Wohnung scheint nichts mehr im Wege zu stehen, nächsten Donnerstag soll der Mietvertrag unterschrieben werden und die Schlüsselübergabe stattfinden.

Doch noch gibt es ein anderes Problem. Leider musste ich schon in Erfahrung bringen, dass der nächste Dunkin' Donuts ca. 11km von Köpenick entfernt liegt (in Berlin halt..), doch nun galt es zumindest einen Starbucks zu finden. Während das böse Internet mir erzählt, dass sich im Köpenicker Forum auch ein Starbucks befinden soll, Starbucks selbst aber dazu schweigt und ich in dem Einkaufszentrum bei aller Liebe die grüne heilsbringende Meerjungfrau nirgends entdecken kann, wende ich mich an mein Maklerbüro, in der Hoffnung um Hilfe.

Und liebes Tagebuch, du musst mir glauben, der nachfolgende Dialog hat genauso stattgefunden. Wenn der Dialekt nicht genau wiedergegeben ist, liegt das einfach daran, dass ich nun mal Hochdeutsch spreche:

Ich: "Eine Frage noch: Gibt es hier irgendwo einen Starbucks?"

Maklerin: "Ja, ich glaube in der Bahnhofsstraße, kurz vor dem S-Bahnhof auf der rechten Seite."

Ich (innerlich wonnig grunzend): "Ja? Den hab ich dann wohl übersehen. Geh' ich gleich noch mal gucken."

Maklerin: "Das ist doch das mit den Brötchen?"

Ich (das innerliche Grunzen verstummt schlagartig): "Das.. ist.. das.. mit dem Kaffee.."

Maklerin: "Wie hieß das?"

Ich: "Starbucks?!!"

Maklerin: "Hm. Ne. Was hab' ich denn gemeint?"

Ich: "Dunkin' Donuts?"

Maklerin: "Ne."

Ich: "Bagel Brothers?"

Maklerin: "Ne. Warten Sie, wir fragen mal meine Kollegin."

Wir verlassen ihr Büro und gehen nach vorne zur Rezeption.

Maklerin: "Sach ma, weißt du, wo hier - (zu mir:) Wie hieß das?"

Ich (hysterisch): "Starbucks?!?!!!11"

Maklerin: "Weißt du, wo hier Starbucks ist?"

Rezepttussi: "Starbucks? Ne. Nie jehört. Wat is'n dit? Is dit'n Baumarkt?"

Da ich begreife, dass ich innerhalb der nächsten zehn Sekunden entweder anfange zu heulen und/oder zu lachen, beende ich die kafkaeske Situation, verabschiede mich und verlasse fluchtartig das Gebäude, um draußen zusammen zu brechen.

Es ist ja eine Sache, in einem Bezirk zu wohnen, in dem es kein Starbucks gibt, aber es ist eine ganz andere Sache in einem Bezirk zu wohnen, in dem die Menschen nicht wissen, was Starbucks ist.

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Freitag, 12. August 2011

Liebes Tagebuch,

da Satan offenbar den Knopf für das Wetter von Berlin aktuell in seiner Gewalt hat, fängt es genau (!!) dann an aus Kübeln zu schütten, als ich das Haus verlasse, um mich mit meiner Ex-Mitbewohnerin aus Israeltagen zu treffen. Auf ihren Vorschlag hin, treffen wir uns am Kotti, was, so erfahre ich von Wikipedia, die interne Bezeichnung des Kottbusser Tors ist. Diese Ecke Kreuzbergs ist der Inbegriff des asozialen Charmes Berlins. Schöne Menschen wohin man blickt.

Nachdem wir unsere leeren Mägen mit fettiger, wohltuender Pizza genährt haben, suchen wir uns einen Platz zum offensiven Bierkonsum und da die Ankerklause von Horden von Regenflüchtlingen gesprengt wurde, finden wir schließlich Zuflucht im Bruegge, wo uns seltsam bitteres Pils aus Dresden oder Leipzig oder einem anderen mysteriösen Ort nahe der russischen Grenze serviert wird.

Da ich irgendwas getan haben muss, was Satan wirklich verärgert hat, lande ich auf dem Nachhauseweg natürlich in dem Waggon, den der Irre des Abends zu seinem Zuhause des Abends auserkoren hat. Da der Herr offensichtlich selber keine oder nur sehr wenige Freunde hat, versucht er in der U12 welche zu finden - und das auf eine penetrante und abenteuerliche Art und Weise, die einem schon beinahe Achtung abverlangen würde, wäre sein Körpergeruch nicht von zweifelhaftem Ausmaße.

Dennoch nehme ich seine Existenz mit einem gewissen Gleichmut zur Kenntnis. Denn, liebes Tagebuch, das ist nun mal Berlin. Du kriegst Berlin nicht ohne die Irren. Entweder ganz oder gar nicht. Und aufdringliche Fremde in der Bahn zu ignorieren, ist ein Preis, den ich gerne zahlen, um hier zu wohnen.

Maniac