Samstag, 30. Juli 2011

DAS kann ich nicht wegschmeissen!!

Genauso

Freitag. Früher Abend. Sie steht seit etwa zehn Minuten in meiner Wohnung und kräuselt die Nase. "Was is' damit?" fragt sie und zeigt auf eine moosgrüne Strickjacke, von der man sagen könnte, sie habe schon mal bessere Tage gesehen, wenn sie denn solche gesehen hätte.

"Die kann ich nicht wegschmeissen."

"Hast du sie in den letzten Jahren angehabt?"

"Nope."

"Hast du sie jemals angehabt?"

"Nope."

"Dann solltest du sie wegschmeissen."

"Geht nicht. Hab sie 2002 in Namibia gekauft."

"Mir erschließt sich der Zusammenhang nicht."

"Es.. ist.. ehm.. Namibia halt.. ich war da.. ich hab sie da gekauft.. das.. ehm.. machen Menschen so.. sehe ich die Jacke, denke ich 'Oh, damals! In Namibia!!'"

"Und du brauchst diese Jacke, um dich zu erinnern, dass du 2002 in Namibia gewesen bist?"

"Exakt. Bis vor drei Minuten, als diese unsägliche Unterhaltung begonnen hat, hatte ich gänzlich vergessen, dass ich jemals in Namibia war. Um ehrlich zu sein, hättest du mich vor drei Minuten gefragt, wo Namibia liegt, ich hätte es dir nicht sagen können, ich hätte noch nicht mal gewusst, ob Namibia ein Land oder das libysche Nationalgericht ist, aber wenn ich die Jacke sehe BOOM! Alles wieder da!!"

"Was ist damit? Die Steppweste. Von wann ist die bitte?"

"Aus den Achtzigern. Gehört meiner Mama. Ohne die Weste wüsste ich nicht, dass ich eine Mama habe. Ich gucke jeden Tag in den Schrank, sehe die Weste und denke 'Ich habe eine Mama.'"

"Ich habe Angst zu fragen, ob das dein Ernst ist."

"Das ist das Schlimme bei uns Verrückten, nicht wahr? Ihr wisst nie, wann wir euch verscheissern."

"Ooooookay, gehen wir weg vom Kleiderschrank. Was ist in der großen Kiste da oben?"

"Deko-Sachen."

"In Marzahn helfen auch keine Deko-Sachen. Hol die Kiste runter. Was ist das?"

"Sand. Indischer Ozean an der Südafrikanischen Küste, zwischen Durban und Umhlanga Rocks. Mitte der Neunziger. Der Sand erinnert mich daran, dass mir der Badeanzug bis zu den Knien hing, als ich aus dem Meer kam, weil der Schritt mit ca. fünf kilo Sand gefüllt war. Also nicht dieser Sand hier. Das wäre.. eklig."

"Aha. Was ist das? Noch mehr Sand?"

"Jordanische Wüste. Nahe Petra. 2007. Ich bin an dem Tag auf einem Kamel geritten. Lustigster Tag ever. Und auf einen Esel. Mit dem bin ich fast die Klippe runtergestürzt. Nicht ganz so lustig."

Sie beginnt nervös zu blinzeln: "Und das hier?"

"Stein vom Warschauer Ghettokämpfer-Denkmal. 2004. Das war der Sommer, als May und ich völlig betrunken einem Kleinkind das Dreirad geklaut haben."

"Das hier?"

"Stein aus Auschwitz. Der.. erinnert.. mich.. an.. na ja.. Auschwitz."

"Das?"

"Stein aus Jerusalem."

"Und das?"

"Das ist aus dem Supermarkt! Ha ha ha - wegen der Werbung, du weisst schon, wo der eine Stein gar kein Stein, sondern so ein Raumerfrischerdings ist.- Nein, kennst du nicht?... Der Stein ist aus Auschwitz."

"Ich dachte, der hier wäre von Auschwitz?"

"Möglich. Es sind Steine. Sie sehen alle gleich aus, woher soll ich nach all den Jahren wissen, woher sie sind?"

"Dir ist schon klar, dass wir so nicht wirklich weiterkommen?"

"Ja, und ich muss sagen, ich bin etwas enttäuscht von dir."

"Von mir?"

"Ja, du hast gesagt, du willst mir beim Ausmisten helfen und brauchst fünfzehn Minuten, um meine Wohnung zu entdingsen. Und nun sieh, was wir bisher weggeschmissen haben: Einen Jutebeutel von dm. Ich finde nicht, dass du deinen Job bisher besonders gut machst."

Ihre Blinzelrate nimmt drastisch zu und ich bilde mir ein ein nervöses Zucken im rechten Mundwinkel zu sehen. Ohne erklärbaren Grund muss ich an den Rottweiler denken, der sich vor einigen Jahren in den Schädel eines Dreijährigen verbissen hat. Vermutlich wollte der Rottweiler damals dem Kleinkind auch nur beim Aussortieren seiner Legokiste helfen und die Sache ist irgendwie eskaliert. Es sind halt immer die alltäglichen Situationen, die uns zum Hitler werden lassen.

"Du überlegst gerade, warum du nochmal mit mir befreundet bist, oder?"

"Ja."

"Vielleicht weil ich die größte DVD-Sammlung habe, die du kennst und ebendiese bereitwillig mit dir teile. Und weil ich dir erlaube eine Jogginghose zu tragen, während wir bei dir fernsehen."

"Ich wusste, es musste ein wirklich guter Grund gewesen sein."

"Willst du die restlichen Kisten durchgehen?"

"Nicht wirklich. Ich habe Angst, dass ich anfange dich zu schlagen, wenn du weiter redest."

"Nachvollziehbar."

"Ich bin dafür, du nimmst all deinen Kram, deine kleinen und großen Kisten, deine Weihnachtslichterkette, die Strickjacken und Steine, deine abartig große Sammlung von Moleskine-Notizbüchern, deine vier Schachbretter, die Comics, das Tablett mit den hässlichen Katzen darauf, die sieben Lamy-Füller und den alten Wasserfarbenkasten aus der Schule - nimm alles mit nach Marzahn. Ich habe ein paar Folgen 'Mitten im Leben' gesehen, ich denke, das passt alles ganz wundervoll."

"Hm. Okay. fahren wir dann jetzt zu dir und gucken DVD? Ich habe heute Post aus England bekommen und hab' jetzt die erste Staffel von 'Sherlock'."

"Darf ich dabei meine Jogginghose anziehen?"

"Natürlich."

IMG 1656

 

Pst.. Du.. Ich werde dich vermissen. Dich. Deine Pasta. Dein Sofa. Und vor allem deine Jogginghose. Bei jeder Jogginghose, die mir in Marzahn begegnen wird, werde ich an dich denken. Und wenn ich das richtig einschätze, werde ich so täglich mehrfach an dich denken müssen..

Das ist für dich. Aus Gründen.