Samstag, 7. Mai 2011

Watch this!

Man denkt ja immer, durch das Internet entgeht einem nichts mehr. Twitter. Facebook. Und all die 50.000 anderen Socialmediadieweltistjasokleinseiten, die einen dauernd von allen Seiten mit Infos, Schlagzeilen, Fotos und Videos beschießen. Doch manchmal entgeht einem doch etwas.

In diesem Fall etwas, was mich zornig macht. Und traurig. Zornig, weil es passierte. Zornig, weil ich es erst jetzt erfahre. Vielleicht weil ich Spiegel Online nicht mehr als Startseite eingerichtet hatte [was ich im Übrigen vor einer Minute genau deswegen wieder korrigierte].. vielleicht weil ich mit den "falschen" Leuten befreundet bin.. vielleicht weil es mir einfach durch die Lappen ging..

Facebook und Twitter - das ist eine spaßige Welt. Voller spaßiger Fotos. Spaßiger Videos. Hier: ein Foto mit einem Hund im Superman-Kostüm. Hier: ein YouTubeVideo von Cindy aus Marzahn. Hier: ein Instagram-Foto von meinem neuen Ikea-Sofa!!! Man will spaßige Sachen, die einen vom Büroalltag ablenken, von der Lernerei, die einem zum Lachen bringen. Facebook und Twitter, bzw. mein Facebook und meine Twitter-Timeline, sind Orte des Jauchzens, des Glucksens, der Mode-Blogs, der Musik, sind kleine Inseln der Heiterkeit. Und man liest und sieht das alles und vergisst, dass außerhalb dieser Inseln der Heiterkeit nicht alles heiter ist.

Heute postete eine Freundin, eine Kanadierin, die nun in Mexiko lebt und mit der ich 2007 zusammen in Israel studiert habe, einen Link (Das meinte ich im Übrigen mit Die Welt ist klein). Und dieser Link kam aus der Welt jenseits jener Inseln des allgemeinen Frohsinns.

Es ging um Folgendes:

Im Februar, an dem Tag, an dem Husni Mubarak zurücktrat und ein CBS-Team vom Tahrir-Platz berichtete, wurde die CBS-Auslandskorrespondentin Lara Logan von einem Mob aus etwa 200 Ägyptern gewaltsam von ihren Team getrennt. Sie rissen ihr die Kleider vom Leib und missbrauchten sie. Sie war sich sicher, sie würde sterben. Aber Lara Logan überlebte und vor wenigen Tagen berichtete sie bei CBS über dieses Erlebnis.

Meine Freundin schrieb bei Facebook: Watch this! Und diesen Imperativ würde ich gerne an euch weitergeben:

video

[Looks like I fucked up the audio a bit.. so here's the original link]

Wie gesagt, macht mich das Video zornig. Zornig über mich selbst, weil ich erst jetzt von Lara Logan erfuhr. Zornig über die Männer, die nicht zur Rechenschaft gezogen werden können. Zornig über die Tatsache, wie akzeptiert ein solches Verhalten in bestimmten Teilen der Welt ist.

Ich war 2009 in Ägypten. Alleine. Ich reiste von Kairo bis runter nach Abu Simbel, dann ans Rote Meer und wieder zurück nach Kairo. Und ich hatte mir weder vorher noch nachher Gedanken darüber gemacht, ob es eine gute Idee war als Frau wochenlang alleine durch dieses Land zu reisen. Ich war vorher alleine durch Israel gereist. Nach Jordanien. Ich wusste, wie ich mich in diesen Ländern zu verhalten hatte, was mich erwarten würde - wenn auch viele der eintreffenden Situationen nicht unbedingt erfreulich waren. Ich hatte seit meiner Jugend von dieser Reise geträumt. Sie kam den Vorstellungen meines 15-jährigen Ichs nur teilweise nahe.

Für mich existierten seitdem zwei Ägypten.

Das Ägypten meiner Jugend, das antike Ägypten, das faszinierende Ägypten eines Howard Carter.

Und das Ägypten, das ich tatsächlich erlebte und das nichts von Romantik hat. Das Ägypten, das aufregend und dreckig und laut war.

Nun existiert ein weiteres Ägypten für mich. Das Ägypten der Lara Logan.

Und die anderen beiden verblassen. Verschwinden hinter dem aufwallenden Zorn. Der Wut.

Ich wünsche mir, dass der Zorn wieder verschwindet. Oder zumindest nachlässt. Ich möchte dieses Bild ansehen und daran denken, wie ich nach einem anstrengendem Tag, verschwitzt, verstaubt, müde, am Nil saß, den Schiffen zuschaute und mich des Lebens erfreute. Denn wenn ich jetzt das Bild betrachte, sehe ich nur Lara Logans Gesicht.

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