Freitag, 27. Mai 2011

Jobcenter - Episode 1

Es kommt nicht alle Tage vor, dass ich um sechs Uhr morgens aufstehe. Im Grunde kommt es nie vor. Es ist eine unmenschliche Zeit und es steht irgendwo in der Studienordnung, dass Studenten nicht gezwungen werden dürfen, vor zehn Uhr aufstehen müssen. Und dennoch wanke ich um sechs Uhr durch die Wohnung auf der Suche nach Koffein. Der Grund: Das Jobcenter.

Am gestrigen Tag rief ich dort an und kam beim vierten Mal tatsächlich durch. Ich wollte wissen, ob sich das Arbeitsamt Bonn (alias Arge alias Jobcenter alias whatsoeverwhothefuckcares) für mich im Zeitraum zwischen Uni-Ende und Berlin-Umzug verantwortlich fühlt. Offenbar waren meine Fragen von höchst komplexer Struktur, denn die Dame am anderen Ende des Hörers (die überraschend nett war) teilte mir mit, dass ich mein Popöchen ins Jobcenter bewegen soll, um das vor Ort zu klären.

Also stand ich heute um sechs Uhr auf und tuckerte 75 Minuten später mit meinem Roller nach Duisdorf. Duisdorf ist für den Bonner ein ferner, nebulöser Ort, dessen Existenz wir zwar zugeben, aber deswegen noch lange keinen Grund sehen auch dorthin zu fahren und natürlich verfuhr ich mich zweimal auf eine geradezu lächerliche Art und Weise, da ich den Orientierungssinn einer geistig behinderten Raupe habe.

Arbeitsamt

Endlich angekommen wurden alle meine Erwartungen ziemlich schnell enttäuscht. Die lustige Welt der Arbeitsämter war mir bisher nur durch das Fernsehen bekannt, und zwar durch so grandiose Fernsehformate wie "Mitten im Leben". Aber hier war alles hell, der Boden sauber, die Luft frisch. Ich hatte dunkle muffige Gänge erwartet, in denen man stundenlang eng aneinander gequetscht sitzt, vorzugsweise neben Menschen fragwürdigenden Aussehens, gehüllt in eine Wolke von Nikotin, Bier und altem Schweiß. Ich ziehe eine Nummer, zehn Menschen vor mir. Ich werfe einen prüfenden Blick auf die zehn Menschen und nehme mit einer gewissen Genugtuung wahr, dass acht davon zumindest so aussehen, als wären sie öfters hier. Ein Leben ohne Klischees wäre langweilig.
Nach ca. fünf Minuten bin ich zu meinem grenzenlosen Erstaunen dran. Die Damen an der Aldikasse sind auch nicht viel schneller, denke ich. Hatte ich doch mit stundenlanger Wartezeit gerechnet und dementsprechend 17 Energyriegel, Wasser und ein Zelt eingepackt.

Die Dame an Schalter Drei scheint launentechnisch eher am unteren Drittel angesiedelt zu sein und es bleibt offen, wie ihre Laune am Ende des Tages aussehen wird. Vermutlich hätte ich bei dem Job eine vergleichbare Lust am Leben. Ich informiere sie über meine Situation, den nahenden Abschluss, den Umzug und die Zeit dazwischen. Sie teilt mir mit, dass ich Mitte Juli dann mit Uni-Zeugnis und Perso hier antanzen muss. Mehr brauche ich nicht, frage ich. Mehr brauche ich nicht, sagt sie. Abgesehen davon, dass ich ihr kein Wort glaube und fest damit rechne im Juli fünfzig andere Sachen nachreichen zu müssen (Bankauszüge und andere Späße), frage ich mich ernsthaft, warum man mir die Information "Reichen Sie am 15. Juli Uni-Zeugnis und Perso ein." nicht gestern am Telefon mitteilen konnte. Ich schmettere ihr ein abartig fröhliches "Schönen Tag noch!" zum Abschied entgegen, welches ihr die Grandiosität meiner Existenz und der Unterschied zu ihrer eigenen vor Augen führen soll  und mache mich auf den Weg nach Hause..

Es war nur ein kurzer Ausflug in die spannende Welt der zukünftigen Arbeitslosigkeit, ein Vorgeschmack auf ein Leben jenseits der Hörsäle. Um ehrlich zu sein, erwarte ich ämtertechnisch ab Juli das Schlimmste. Sowohl in Bonn als auch Berlin. Keine Illusionen, keine Hoffnungen. Frei nach dem Motto: Erwarte das Schlimmste, dann kannst du nicht enttäuscht werden.

Vor dem Arbeitsamt

Fortsetzung folgt nach dem 14. Juli. Yeah.

[Some of the images are found on tumbl (or somewhere else on the internet). If I violated any copyrights you might have, please do not hesitate to contact me and I will remove the picture.]