Dienstag, 3. Mai 2011

Der natürliche Feind des Studenten

Ich habe mich in der Vergangenheit schon einmal über eine bestimmte Bevölkerungsgruppe ausgelassen und dafür üble Schelte erhalten. Und man könnte meinen, dass mich das etwas gelehrt hat. Aber.. es ist halb neun morgens und ich bin wach und deswegen nicht in der Stimmung für irgendwelchen diplomatischen Scheiss.

Rentner.

Der Renter ist der natürliche Feind des Studenten.

Denn Schulkinder und arbeitende Erwachsene treffen in der Regel auf den Studenten nur zweimal am Tag, nämlich wenn sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln in die Schule bzw. zur Arbeit und wieder nach Hause pilgern. Nun, morgens ist das den Studenten völlig egal, denn sie schlafen um diese Zeit noch. Und wenn sie irgendwann nach zwölf aufgestanden sind und zur Uni fahren, haben sie soviel Koffein intus, dass es kleine Säugetiere töten könnte, und sie erdulden stoisch die zehn Stationen in einem Bus mit 270 Schulkinder mit massenmördertauglichen Scoutranzen. Und die arbeitenden Erwachsenen sehen sie ohnehin erst am Abend. Im Pub. Im Biergarten. Und dann sind beide Bevölkerungsgruppen betrunken und leben somit in inniger Harmonie.

Das ist Natur. Evolution. Jeder hat seine Nische gefunden. Everyone's fucking happy!

Jedoch der Renter und der Student nicht.

Das Äquivalent in der freien Natur ist der Löwe und dieser eine bescheuerte Vogel, der irgendwo im Baum sitzt und die Antilopenherde warnt, wenn der Löwe kommt. Und der Löwe liegt im Gras, sieht die Antilopen epileptisch davon hüpfen, sieht zu dem Vogel und denkt:

"Oooooooooooh, fuck yooouuuuu!"

Der Student ist der Löwe.

Denn der Rentner hat den evolutionären Drang, den Studenten bei seinem üblichen Habitus zu stören. Ich weiß das, denn abgesehen von der Tatsache, dass ich Fächer studiere, die Rentner magisch anzuziehen scheinen, ist das Haus, in dem ich wohne, umringt, nein, umzingelt von Häusern mit alleinstehenden, verwitwerten alten Frauen. Und jeder weiß, die Frauen sind schlimmer als die Männer. Weil sie im hohen Alter einen Aktionismus an den Tag legen, den der Student als prokrastinierendes Gegenstück der Evolution nur würgen läßt.

Vorrangiges Ziel ihrer Aktivitäten ist dabei der Garten. Sie entwickeln dabei eine solche Besessenheit, dass man meinen könnte, ihr Garten würde Teil der nächsten Bundesgartenschau. Und da die Kinder und die arbeitenden Erwachsenen tagsüber nicht da sind, und die arbeitslosen Erwachsenen - das hat das Privatfernsehen unlängst bewiesen - stehen bekanntlich irgendwann zwischen 12h und 16h auf, um halbkomatös den restlichen Tag RTL zu gucken und Chips zu inhalieren, steht als Ansprechpartner für den Rentner nur der Student zur Verfügung.

Der Student muss irgendwann das Haus verlassen. Wegen eines Seminars. Wegen der Unibücherei. Weil der Kaffee alle ist. Und das ist der Moment, auf den der Rentner gewartet hat. Denn wie ein in beige gekleideter Ninja springt er den Studenten auf dem Weg zum Bus an, weil er mit diesem (dem einzig anzusprechenden Mieter des Hauses) über die vier Tannen auf dem Grundstück reden will, die Schatten in seinen Garten auf sein Rosenbeet werfen. Und dann stehst du da. Es ist halb zwei. Du bist vor zwanzig Minuten aufgestanden, hast 2l Kaffee getrunken und versuchst dich mental darauf einzustellen, dass die Schule einen Block von hier gerade Schulschluss hatte und alles, was du denkst ist:

"Oooooooooooh, fuck yooouuuuu!"

Ich bin nicht der Vermieter. Es ist nicht mein Grundstück. Ich nutze den Garten noch nicht einmal und es ist mir schnurzpiepegal, ob irgendein Gemüse Schatten auf dein Gemüse wirft.

Aber wisst ihr was? Damit könnte ich noch leben. Hin- und wieder angefallen werden.

Doch das eigentliche Problem ist, dass der Rentner einen Tagesrythmus hat, der nichts anderes als eine pervertierte Form des Tagesrythmus des Studenten ist. Denn während der Rentner kurz nach Ende der obligatorischen ARD/ZDF/WDR-Sendung am Abend denkt: "Huch. Schon viertel vor zehn. Nun aber hurtig ins Bett.", denkt der Student um genau diesselbe Zeit "Huch. Schon viertel vor zehn. Ich sollte mal mit dem Lernen anfangen." Und während die Blase den Rentner kurz vor Anbruch des ersten Sonnenstrahls aus dem Bett treibt, hat der Student sein lernendes Köpfchen erst kürzlich zur Ruhe gebettet.

Aber es gäbe kein Problem, wenn die Rentner in ihren Häuschen sitzen würden, stricken, häkeln, Kreuzworträtsel lösen oder was immer man so tut. Im Winter vielleicht. Aber wir haben jetzt so etwas wie Prä-Sommer. Der Garten, das Haus - alles lag brach über die letzten Monate. Und nun macht der Rentner etwas perfides. Er wartet bis acht. Genau acht. Und dann legt er los. Und das ist der Moment, in dem ich von irgendwelchen Maschinen geweckt werde, die sich anhören, als wolle man erneut in Polen einmarschieren, und die eigentlich nur dazu dienen die Hecke zu schneiden. Sie machen es nicht um zehn, um zwölf.. oder nach dem gesetzlich verordneten Mittagsschläfchen um vier - NEIN! Sie machen es um acht Uhr morgens. Warum? Ich kann nur mutmaßen. Vermutlich teilweise aus Rache, weil ich mich nicht für die Brombeersträucher die bei uns rumwuchern, verantwortlich fühle. Teilweise wohl auch, weil sie vielleicht denken: "Ich mache es jetzt um acht, weil ich nicht weiß, ob ich aus meinem Mittagsschläfchen wieder aufwache."

Was auch immer der Grund ist: Es ist mir egal. Hört auf damit! Bitte.

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