Freitag, 15. April 2011

Jetzt

Manche Menschen denken, ihr Glück hängt von materiellen Dingen ab. Manche Menschen können nicht zwischen brauchen und wollen unterscheiden. 

tumblr_kszjvj2ioo1qzb2hmo1_400
Sie wollen den schönen, roten Sportflitzer, die Handtasche, die Schuhe mit der lustigen roten Sohle, sie wollen schön eingerichtete Wohnungen, die ihre Persönlichkeit wiederspiegeln, den neuen Harry Potter Band noch bevor er offiziell erscheint, sie wollen alles und sie wollen es jetzt. 

Und wehe, sie können es nicht sofort haben. Weil sie es sich im Moment nicht leisten können, oder aus anderen lächerlich trivialen Gründen. Die Welt würde einstürzen, ihr Seelenheil würde irreparablen Schaden nehmen, denn sie brauchen, sie wollen, sie müssen es haben, jetzt, nicht erst Ende des Jahres, nicht erst zum Geburtstag oder Weihnachten. JETZT. 

Sind diese Menschen nicht traurig? Ist es nicht schade, dass sie meinen, dass ihr Glück, ihre innere Balance von so etwas banalem wie einem Handy abhängt? Ich mag solche Menschen nicht. Mehr noch, ich finde sie grässlich!!

Ich bin so ein Mensch.

Ich bin die 28-jährige Version des vierjährigen Knirpses, das sich kreischend vor dem Süßigkeitenregal an der Supermarktkasse auf dem Boden wälzt. Neben einem die hilflose Mutter mit hochrotem Kopf, die am liebsten vor Scham im Erdboden versinken würde. 

cranky-child-grocery-store-636
Und es bringt im Grunde nichts, mir an der Kasse ein Hanuta zu kaufen, denn zwischen Kasse und Ausgang ist ja noch der Bäcker und Gott kann seinen heiligen Arsch darauf verwetten kann, dass mein kleines gieriges Auge ein saftiges Puddingteilchen erspähen und die ganze Nummer von vorne beginnen wird.

Und es gibt immer irgendwo ein weiteres Puddingteilchen. Ein weiteres Süßigkeitenregal. Es gibt immer mehr. Besser. Schöner. Toller. MEHR. JETZT.

Ich bin fast dreißig und heute sind es keine Puddingteilchen mehr. Natürlich mag ich auch heute noch Puddingteilchen (alles andere wäre albern), aber sie zu kaufen und zu konsumieren stellt sich in meinem Alter als keine allzu große Herausforderung mehr dar. Es sind andere Sachen. Ständig. Und dabei bin ich sprunghaft wie ein Streifenhörnchen auf Crack. 

Oh, du hast dir eine Nähmaschine gekauft. Mmh.. Ich will auch nähen! Ich will auch Taschen und so selber machen! Ich will auch eine Nähmaschine! JETZT!

Gekauft.

Oh, dieser Vlog ist total cool. Ich will auch einen Vlog. Aber meine Webcam ist scheisse. Ich brauche eine neue. JETZT.

Gekauft.

Oh, dieser iPod Touch ist ja eine tolle Erfindung. Ich will auch einen. JETZT.

Gekauft.

Oh, ein iPhone ist ja viel besser als ein iPod Touch (Wer konnte das auch ahnen?). Ich will auch einen. JETZT.

Gekauft.

Oh, auf dem Netbook kann ich nicht vernünftig arbeiten. Ich brauche ein größeres. Ich will ein Notebook. JETZT.

Gekauft.

Oh, was? Du meinst, ich wäre mehr der Mac-Typ? Du hast Recht! Ich will einen Mac!! JETZT!

Gekauft.

Ich finde, ich sollte Kaffee trinken. Ich will eine Kaffeemaschine. Und den guten Kaffee von Tchibo. Und eine Dose, die farblich zu meiner Küche passt. Und neue Kaffeebecher. Und außerdem noch einen Süßstoffspender, der farblich zu meiner Küche passt.

Gekauft. Gekauft. Gekauft. Gekauft. Gekauft.

Diese Liste lässt sich beliebig lang fortsetzen. BE-LIE-BIG! Dass ich abgesehen vom Süßstoffspender für keine dieser Anschaffungen wirklich das Geld hatte, versteht sich von selbst. Dass ich die Nähmaschine dieses Jahr noch kein Mal angerührt habe, die Kaffeemaschine im Keller ist, die neue Webcam in einem Karton (weil der iMac eine bessere integrierte hat und ich dennoch keinen Vlog mache), genauso wie der Touch, versteht sich ebenfalls von selbst. Ich bin ein verkackter Konsumjunkie. Andere Frauen kaufen Schuhe, Klamotten und Handtaschen. Ich kaufe “Dinge”. Zeugs. Und es muss noch nicht mal glitzern.

Und jedesmal, wenn ich etwas kaufe, übe ich im Geiste einen Monolog ein, um gegenüber anderen zu rechtfertigen, warum ich das JETZT brauchte und warum das eine sinnvolle Anschaffung war. Ich bin gut in diesen Monologen. Ich bin sogar hervorragend. Oder auch nicht. Eher nicht. Vor allem bin ich durchschaubar. Oh mein Gott. Ich bin dabei so durchschaubar!! Ich könnte mir auch gleich mit dickem Edding auf die Stirn schreiben: 

“Sag, dass der Kauf richtig war. Sag, dass der Kauf sein musste. Sag, dass ich keine Wahl hatte. Sag es. SAG ES!!”

Der Unterschied zwischen mir und einem Alkoholiker oder Crackjunkie ist, dass meine Leberwerte top sind und ich immer noch wie der frische Morgentau aussehe. Aber finanziell – hui! Die Sucht nach Elektronikartikeln ist fast so teuer wie das gute, alte Koks. Vor allem, da nun das Ende des Studiums mit Riesenschritten naht und damit verbunden: die Arbeitslosigkeit. Und wisst ihr, was das schlimmste ist? Ich meine DAS ALLERALLERSCHLIMMSTE? Genau sieben Tage nach der Zeugnisvergabe endet mein iPhone-Vertrag. 

Die größte und härteste Nervenprobe meines Lebens: Werde ich überleben? Bzw. wie lange kann ich überleben ohne in der U-Bahn meine Mails checken zu können? Tweets zu lesen? Via Ortungsdienst nachsehen, wo ich bin, wo ich hinsoll? Tumblr. Facebook. Twitter. Von nun an verbannt auf den Heimcomputer. Wie trist. Vermutlich werde ich nie wieder das Haus verlassen. Höchstwahrscheinlich sogar.
IMG_1052
Es wird die größte Herausforderung meines Lebens. Und sie beginnt nicht erst im Juli, wenn die Uni tatsächlich zu Ende ist. Oder nachdem ich den Umzug hinter mich gebracht habe. Sie beginnt jetzt. Genau in dieser Sekunde, in der ich das schreibe. JETZT. Gut, eigentlich schon davor, aber, hey! ich brauchte den iMac wirklich dringend, mein verhurter Dell-Laptop macht ganz fiese, slurpige Geräusche. Es war nur eine Frage der Zeit und überhaupt.. ich meine – STOP! Keine Entschuldigen mehr.
ES BEGINNT JETZT.
Ich muss lernen. Keine Zeit zum Arbeiten. Also zehre ich von meinem Ersparten. Das Ersparte, das für Berlin gedacht ist. 

leere_geldboerse_hi

Also: Fastenzeit in der Geldbörse. Lernen zwischen brauchen und wollen zu unterscheiden UND danach zu handeln. 

Einen Espresso mit einer Freundin trinken: Okay. 

Eine Freundin zum Espresso zu mir nach Hause einladen und deswegen eine Espressomaschine kaufen: Nicht okay. 

Brauchen und wollen

Zwei kleine Worte. 

Riiiiiieeeeesenunterschied.

[Some of the images are found on tumbl (or somewhere else on the internet). If I violated any copyrights you might have, please do not hesitate to contact me and I will remove the picture.]