Dienstag, 1. März 2011

Gleich

Es ist Dienstag. Semesterferien. Wohl der Grund warum sich keine Wurst im Hauptgebäude befindet und ich hier mutterseelenallein im Flur sitze. Auf meinem Schoß liegt meine Magisterarbeit in zweifacher Ausführung - in putziges babyblau gebunden. Die Farbe des Einbandes kann man sich aussuchen. Ich hatte Lust etwas poppiges zu nehmen, neon wäre auch sehr schick gewesen, aber eine Arbeit über die Shoah in lolli-pink gebunden, schien mir latent unangebracht. Also babyblau. Ein Hauch von Farbe. Dezent, aber dennoch fähig zu suggerieren “Huhu, ich habe genug Selbstbewusstsein und finde meine Magisterarbeit so geil, dass ich sie nicht in traurigen, bescheidenen Tönen einbinden lasse.”

Hinter mir liegen 5 Monate voller unaussprechlicher Qualen (exklusive zwei Monaten, in denen ich mich durch die Archive von Yad Vashem gewühlt habe). Monate an den Schreibtisch gefesselt. Ohne Fernseher. Ohne soziale Kontakte (alles hat sein Gutes). Dafür mit Schokolade. Zu meiner Überraschung war das Produkt dieser Phase keine Verfettung meiner Person, sondern 114 Seiten, gefüllt mit insgesamt 36.438 Wörtern und 398 Fußnoten. 173 Bücher und Artikel habe ich gelesen, kopiert und mit knatschbunten Eddings verwüstet. 5 Monate.

Ich streichel zärtlich über den rauen Einband. Auf dem zweiten Exemplar hat der Kopiermensch es irgendwie geschafft aus dem ‘ä’ im Nachnamen ein ‘a’ zu machen. Werde nachher zurückgehen und ihn töten. Nachher. Sobald ich die Magisterarbeit eingeworfen habe. Dürfte gleich soweit sein. Ich bin nicht sicher, wie lange ich hier schon sitze. Fünf Minuten. Zwei Stunden. Seit gestern?

Ich bin froh, dass hier niemand langkommt, denn ich müsste nur noch langsam nach vorne und wieder zurück wippen und manisch zu summen anfangen und man würde mich einweisen. Gleich werfe ich sie ein. Gleich. Gleich. GLAHEICH.. Nein, doch noch nicht. Es ist ja nicht so, dass ich einen Grund wüsste, warum ich sie nicht einwerfen sollte. Ich fahre mit dem Zeigefinger den Titel der Arbeit nach und seufze innerlich. Ich weiß doch einen Grund, warum ich sie nicht abgeben will. Denn wenn ich sie abgegeben habe.. dann, nun ja, habe ich sie abgegeben. Dann ist sie weg. Futschikato.

Plötzlich schießt die Tür auf, ein junges Huhn hüpft rein und steuert euphorisch die Tür des Prüfungsamtes an. Abgeschlossen. Ich rufe ihr zu, dass das Amt nur bis 13 Uhr auf hatte und sie die Arbeit in den Briefkasten werfen muss. Sie sagt “Oh.”, zuckt mit den Schultern, schmeisst ihre Arbeit in das gähnende, fiese Loch in der Wand und ist wieder weg. Ich schaue dem Schwingen der Tür nach, bleibe sitzen, blättere durch meine Arbeit, liebkose jede Seite und murmel beschwörend: “Gleich, gleich steh ich auf und schmeiss sie rein. Gleich.”

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