Sonntag, 19. Dezember 2010

Schubladen

Vor etwa zehn Jahren habe ich “Bridget Jones”, gelesen. Bridget, die pummelige, rauchende, verfressene Peinlichkeit auf zwei Beinen. Vor zehn Jahren war ich achtzehn. Und was habe ich gelacht und geschmunzelt. Jetzt bin ich nicht mehr achtzehn und geschmunzelt wird auch nicht mehr. Denn irgendwann zwischen damals und jetzt bin ich zu einem Schubladenmenschen geworden.

Schubladenmenschen, das ist zum Beispiel Bridget Jones. Aber auch die Vierzigjährige, die es nie auf eine Kunsthochschule geschafft hat und daher ihre gesamte Umgebung mit super kreativen Seidenmaltüchern terrorisiert. Schubladenmenschen, das ist zum Beispiel, die Dreißigjährige, die sich faschistoide Ernährungsansichten angeeignet hat und alles verurteilt, was in einer Fritteuse zubereitet wird und sich auch mal gerne eine Woche lang nur von Blumenkohl und Knäcke ernährt. Schubladenmenschen, das ist zum Beispiel der Fünfunddreißige, der jeden Tag zehn Stunden RTL und Pro7 guckt und ansonsten online zocken geht (Real Life WTF?).

Es gibt unzählige viele Schubladenmenschen. Stereotypen, die man als Jugendliche nur verschwommen wahr genommen hat und bei denen man damals nie ahnte, dass man irgendwann selbst eine davon sein würde. Jeder meiner Freunde ist ein Schubladenmensch geworden. Ich auch. Ich bin der Schubladenmensch, der ständig auf Diät ist. STÄNDIG. Seit Jahren. Ich bin seit etwa zehn Jahren auf Diät. Also nicht durchgehend. Denn was den Diät-Schubladenmenschen betrifft, ist für ihn bezeichnend, dass er nicht besonders gut darin ist, im Diäthalten, denn er isst einfach wahnsinnig gerne. Wobei ich eine Tafel Schokolade nicht einfach nur esse. Ich inhaliere sie. Ich kann eine ganze Packung Pringles in ca. 0,173 Sekunden runterspülen. Die Honigprinten von Aldi in weniger als 0,0032 Sekunden. Ich verspüre keinerlei Sättigungsgefühl und könnte solange weiter essen, bis ich irgendwann als Beitrag bei Pro7, als die fette Frau, die von der Feuerwehr mit einem Kran aus ihrer Wohnung befreit wird, enden würde.
 
Also diäte ich. Hungere so ca. 50% des Tages. Auch schon mal an drei von sieben Tagen der Woche. Seit zehn Jahren. Ich bin (ohne es zu merken) eine von den Tussen geworden, die so schwachsinnige Sachen wie “Saftdiäten” machen, die abends keine Kohlenhydrate essen, weil die böse sind, die in Apotheken latschen und nach diesen Pillen fragen, die machen, dass du satt bist und natürlich habe ich in zehn Jahren etwa gefühlte 19.372 Excelltabellen angelegt, die mich beim Abnehmen motivieren sollen. Dabei gehöre ich selbstverfreilich zu jenen, die Sport doof finden und meinen, das mit Ernährung alleine hinzukriegen.

Ich habe nicht an meinem 18. Geburtstag gedacht “So ‘ne Diät-Tussi, das ist ‘ne feine Sache. Ich glaub’, ich möchte das auch werden!” – Nein, ich wurde es einfach. Schleichend. Langsam. Ich habe seit zehn Jahren kein Wohlfühlgewicht, obwohl ich kein Übergewicht habe. Als ich einmal, vor etwa fünf Jahren etwas abgenommen und dann zugenommen hatte, sagten meine Freunde mir nachträglich, dass sie fanden, ich sei da schon fast zu dünn gewesen! Generell meinen sie ohnehin, ich sei gar nicht dick. Nicht, dass ihre Meinung irgendwas ändern würde. Oder generell zählen würde.

Als ich das erste Mal gemerkt habe, dass ich ein Schubladenmensch geworden bin, war ich geschockt. Denn seien wir ehrlich, diese Schrabnelle, die ständig faseln, dass sie abnehmen müssen und es dann ohnehin nicht tun, obwohl sie beteuern, dass DIESES MAL alles anders ist, sind furchtbar nervig und ätzend. Ich bin furchtbar nervig und ätzend. Ich will aber nicht furchtbar nervig und ätzend sein. Ich will nicht noch mit vierzig und fünfzig und sechzig auf Diät sein.

Ich würde jetzt gerne postulieren, dass ich gleich die Waage wegschmeißen, mich von nun an einfach ausgewogen und gesund ernähren und hin und wieder ein Stückchen Schoki essen werde, aber Fakt ist, dass man eben dann ein Schubladenmensch ist, wenn man ein Verhalten so sehr verinnerlicht hat, dass man es nicht ohne weiteres ablegen kann.

Und während ich jetzt weiter darüber nachdenke, welcher Mensch ich eigentlich sein möchte, dürft ihr euch darüber Gedanken machen, in welcher Schublade ihr zur Zeit so wohnt.