Samstag, 11. Dezember 2010

Eine klitzekleine Sache

Ich bin ja an sich ein unfassbar ausgeglichener, ruhiger Mensch. Ich sitze jeden Tag stundenlang irgendwo draußen in der Natur, meditiere vor mich hin, rede mit Vögeln und Nacktschnecken und bin ansonsten völlig Zen.

Es gibt nur eine Sache. Eine klitzeklitzekleine Sache, die dafür sorgen kann, dass ich wie ein kleiner radioaktiver Flummi vor Wut gegen die Decke klatsche.

Diese Sache, diese klitzeklitzekleine, kam heute im Radio, gerade, vor vielleicht fünfzehn Minuten. Ein Psychologe. Oder sowas in der Art. Psychologeschmologe. Therapeut. Psychiater. Oder wie ich sie nenne: die Türsteher unserer Gesellschaft.

WDR2 fand es sehr wichtig, hinter die psychologischen Abgründe derer zu gucken, die tiptopgeheime Sachen an Wikileaks verraten haben. Also googelten sie die Gelben Seiten, fanden einen der Samstags nichts besseres zu tun hat und sprachen mit ihm über die tieferliegende Motivation von dem FDP-Heini und dem Bundeswehr-Heini.

Und da sich offenbar beide seit Jahren in Behandlung bei diesem Herren befanden, diagnostizierte ebendieser mit einer abartigen Selbstsicherheit ganz diffizile Persönlichkeitsstrukturen. Es ist ja nicht so, als wenn Monsieur seine Informationen nur über Nachrichten und Zeitungsberichte hätte, nein, nein, ich bin sehr sicher, dass er den FDP-Floppi vorher anrief und sagte “Hören’se, der WDR will, dass ich sie psychologisch begutachte, und ich möchte Ihnen gerne eine abnorme Persönlichkeitsstruktur attestieren und hätte dazu ein paar Fragen.”

Ich muss dazu sagen, ich habe generell was gegen die gesamte Berufsgruppe. Sie erwies sich im Laufe meines verschrobenen Lebens als nicht sehr hilfreich und eher kontraproduktiv. Ich bin da ein, wie man so schön sagt, gebranntes Kind.

Aber diese Kreaturen, die in den Medien Ferndiagnosen verteilen, als wären es Bonbons an Karneval, machen, dass ich ganz, ganz furchtbar zickig werde. Und es ist egal, ob das der Psycho-Doc-Typ bei Viva ist, der bei Britney Spears mal ratzfatz - aufgrund von Bravo-Artikeln - ‘ne schicke Persönlichkeitsstörung diagnostiziert oder eben dieser (verdammt, ich hab seinen Namen vergessen) Kerl, der dem Bundeswehrheini mal eben so eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur anheftet. Zack. Haste ‘ne Heftklammer an der Stirn, mit ‘nem Zettel dran, auf dem “NICHT NORMAL” steht. Versteht mich nicht falsch, nicht normal zu sein, ist an sich nicht tragisch. Tragisch ist die Schublade, in die man gesteckt wird. Tragisch ist der Glaube der anderen, durch ein Wort wie Borderline, alles über einen zu wissen - mehr als derjenige über sich selbst. Und wenn man dann von einem Fremden in eine Schublade gestopft wird, der sein Wissen durch einen Spiegel-Artikel zusammengetragen hat, und sein Kompetenz mit ein paar Semestern Psychologie rechtfertigt, dann macht das die Claudia wütend und traurig.

So. Und jetzt brauche ich Schokolade…

P.S.: Liebe Leser, die sich der Schein-Wissenschaft Psychologie hingeben – bitte, tut euch keinen Zwang an, nehmt diesen Post und diagnostiziert bei mir was euch gerade so einfällt.