Dienstag, 5. Oktober 2010

Kafkaeske Tests

Liebe FAZ-ONLINE,

wirklich? Ich meine, wirklich?!! Ist das euer Ernst? Eine Seite, in der unsereins sich mit den Literaten unserer Zeit vergleichen kann?

Oh, und wie wir alle leise dorthin huschten, wir, mit dem halbfertigen Roman im Kopf und den ersten drei Seiten in der Schublade. Wir, die wir ein wenig bloggen und twittern und Moleskinebücher mit unseren Ergüssen malträtieren. Ergüsse, die kein Verlag je sehen wird. Und dann kommst du, FAZ, schmierst uns eine Vergleichsmöglichkeit wie metaphorischen Honig in die metaphorische Fresse. Ist egal, was ihr eingebt, sagst du, es kommt ja immer irgendeiner bei raus. Ein geflüsterter Name, den wir in unser Tagebuch schreiben können, von dem wir unseren Freunden erzählen können. Ob der Test aussagekräftig ist, oder relevant, egal, DENN ICH SCHREIBE WIE DANIEL KEHLMANN schreien wir laut hinter unseren Schreibtischen und kichern manisch.

Doch es gibt auch jene, die das Ergebnis verstörend finden. Rawr_it fluchte sich beinahe in ein Koma, als die FAZ ihr eine gewisse schriftstellerische Nähe zu Madame Roche weissagte. Ich sagte ihr, dass das sicherlich damit zusammenhinge, dass sie in ihrem Blog so oft ficken etc. sagt.

Doch bei dem schnell erdachten Text “Ich dachte ficken wäre eine gute Alternative. Ficken, fragte ich. Ficken, sagte sie und nickte.” vermutet die FAZ Franz Kafka dahinter.

Und bei “So eine verdammte Fotze, dachte Philipp, während er sein Glied in die pralle Sonne hielt. Elendes Miststück. Julian las seine Gedanken, während er neben ihm an den Baum pinkelte: "Verhurte Fotze!" rief er rüber.” vermutet die FAZ niemand anderen als meinen großen Heroen Thomas Mann als Vorbild.

Ich habe (wegen eines gewissen wissenschaftlichen Anspruchs) den Test achtmal gemacht. Immer mit einem anderen Text, versteht sich.

Zweimal wurde ich zur Fäkalliebenden Charlotte Roche, zweimal zum Milosevicfreund Peter Handke, einmal zum drogensüchtigen Georg Trakl, einmal zu einem mir nicht näher bekannten Herr Schiller, einmal zu Friederike Mayröcker und einmal zu Ildiko von Kürthy.

Sieht man von der Tatsache ab, dass drei dieser Personen Österreicher sind und ein kleiner Teil von mir zutiefst beleidigt ist deswegen, sagt dieser Test wohl vor allem, dass ich hauptsächlich wie ich selbst schreibe. Ich fände es eigentlich unfassbar irritierend, wenn bei jedem Test Günter Grass herausgekommen wäre - gut, ich wäre erst sehr geschmeichelt, aber nachdem mein Ego meinen Schädel gesprengt hätte, hätte ich es irritierend gefunden. Denn es gibt ja schon einen Günter Grass. Wozu braucht es dann mich, wenn ich  einfach nur genauso schreibe wie er?

Dass dieser Test nicht völlig falsch liegt, habe ich erfahren, als ich einfach eine Seite aus einem Buch von Daniel Kehlmann abschrieb und tatsächlich Kehlmann rauskam. Gratuliere, FAZ, zumindest in dieser Hinsicht scheint der Test ja hinzuhauen. Wäre aber auch arg peinlich für dich, wenn nicht, gelle?
Zum Schluss noch ein neunter Versuch und siehe da, endlich kommt ein mich ansprechendes Ergebnis heraus:

“Und während sie höchst konzentriert die Zeilen des FAZ-Tests mit möglichst tiefsinnigen Gedöns fühlte, hielt sie den Atem an und eine Stimme in ihrem Kopf flüsterte immer wieder "Thomas Mann, Thomas Mann, Thomas Mann.."

Und tatsächlich, es wurde ein kleiner Thomas Mann.

[Übrigens dieser Text ist laut der FAZ denen von Rainald Goetz ähnlich.]