Samstag, 9. Oktober 2010

An gekotzten Regenbögen lecken

Wir würden doch alle gern in einer Welt voll wabernder Öpve leben, in der wir auf Einhörnern reiten, die Regenbögen kotzen und vierblättrige Kleeblätter scheißen. Wir wollen besoffen mit Satyrn Fangen spielen und uns im Halbschatten des Olymps neckische Kosenamen geben und kleine Babies zeugen, die nie an ADHS und Kevineritis leiden werden. Wir wollen schön und schlank und schlau und weise und vernünftig und überhaupt ganz toll sein.

Jetzt ist das mit dem Wollen so eine Sache.

Denn das Wollen und die Realität sind nicht gerade die besten Freunde. Manchmal glaube ich fast, der eine weiß gar nichts von dem anderen.

Das wirklich Schlimme jedoch ist, der Mensch kennt den Unterschied ebenfalls oft nicht.

Also sitzt das Menschlein da. In seinem dunklen Kämmerlein und draußen steht die Realität, klopft an die Tür und sagt “Huhu! Ich hätte da mal ein Problem für dich.” Aber das Menschlein macht die Augen ganz fest zu und ruft laut “Ich kann dich nicht hööööören!!” Und in seinem Kopf reitet das Menschlein auf einem Einhorn namens Marcel durch wabernde Öpve, leckt an gekotzten Regenbögen und lügt sich die Welt schön. Dass die Realität mit dem Problem vor der Tür nicht weggeht, ignoriert das Menschlein. Und das Problem wird größer und größer (denn Probleme sind wie Kaugummiblasen, das weiß nun jeder Physiker), und irgendwann platzt es. Manchmal jedoch zeugt es vorher noch viele andere kleine Probleme, die dann auch immer größer werden. Aber das Menschlein weiß davon nichts, denn es sitzt ja auf Marcel und pflückt Kleeblätter.

marcel.png

Ach, entschuldigt, ich vergesse immer, dass ihr ja nicht in meinem Kopf sitzt. Also muss ich jetzt übersetzen, was ich auf orbisclaudianisch vor mich hingebrabbelt habe - was gar nicht so leicht werden dürfte:

Wenn man Freunde hat, die einem wirklich viel bedeuten, und sich plötzlich ein Problem entwickelt, dann kommt es vor, dass man solche Angst bekommt, dieses Problem anzusprechen (weil sobald ein Problem ausgesprochen, ja, nur geflüstert wird, schwebt es wispernd in der Luft, drohend, unkontrollierbar, wie eine schmutzige Bombe, bei der man vergessen hat, den Aus-Schalter einzubauen), dass man lieber schweigt. Und ehe man sich versieht, erkennt man, dass noch einfacher, als nichts zu sagen, sich zu meiden ist. Also wird die Kluft, unausgesprochen, größer und größer. Und man sitzt zu Hause und denkt, wie super man dem Problem, dem Konflikt, dem potentiellen Streit, aus dem Weg gegangen ist.

Nur, dass das Problem nicht wirklich weggeht. Wie eine an Kolik erkrankte Kuh, schwellt das Problem an. Mit jedem Tag, den man schweigend, ignorierend, verbringt, wird das Problem größer und größer.

Und irgendwann erreichst du den Punkt, an dem du realisierst, dass ein Streit vielleicht eine Freundschaft beendet hätte, aber dass das Schweigen dies ebenso gut erledigt hat.