Mittwoch, 20. Oktober 2010

and now for something completely different

Gestern vor einer Woche habe ich mich endlich offiziell für die Magisterprüfungen angemeldet (und mir als Belohnung eine Pfeife gekauft – wir erinnern uns..). Die Anmeldung verzögerte sich immer wieder auf eine geradezu unsägliche Art und Weise, weil, nun ja, weil Professoren gedanklich auf irgendeiner anderen Sphäre leben, in der sie auf Emails nicht reagieren, Hausarbeiten nicht korrigieren, Scheine nicht ausstellen müssen und in der der Student nur ein weit entferntes schwammiges Übel ist, das es zu ertragen gilt, um ein Leben als ruhmreicher Professor zu führen. Aber ignorieren wir an dieser Stelle einfach, dass die meisten dieser Herren die Sozialkompetenz eines gehirnamputierten Nacktmulls besitzen, denn nun ist es ja endlich geschafft.

Kein Aufschieben mehr. Kein Prokrastinieren mehr (okay, nur noch ein bisschen..).

Seit über einem Jahr bereite ich nun diese Magisterarbeit vor, fotokopierte mich in Berlin im Haus der Wannseekonferenz fast zu Tode und erlebte den wohl beschissensten Winter meines kurzen Lebens, als ich mich in Jerusalem durch das Archiv von Yad VaShem wütete und jede Woche ein Paket mit Kopien nach Deutschland schickte.

Kein Weg zurück mehr. Das Thema steht. Das Thema steht im Grunde seit der dreizehnten Klasse, als ich meinem Geschichtslehrer eine Strafpredigt darüber hielt, dass er zum siebenundachtzigmillionsten Mal die Gleichschaltung, die Annektierung Österreichs, den Fall Weiß und den ganzen anderen Nazischmonsens durchkaute, aber kein einziges Mal über den jüdischen Widerstand sprach.

Wie in einem Labor bekommen wir zu Schulzeiten doch intellektuelle Infusionen gelegt, damit wir wissen, wer Stauffenberg ist, wer Sophie Scholl ist, wer Georg Elser ist – und wenn’s ein bisschen mehr sein soll, dann erfahren wir noch wer Henning von Tresckow ist, wer Henri Frenay ist. Das war es dann aber auch. Oder wisst ihr, wer Isaac Zuckerman ist? Wer Mordechai Anielewicz ist? Wer Mala Zimetbaum ist? Wer Niuta Tajtelbaum ist?

Sie waren in meinem Alter, viele von ihnen erheblich jünger. Was sie erlitten haben, was sie erreicht haben, hat kein deutscher Widerständler. Hat überhaupt kein anderer Widerständler.

Und deswegen studiere ich Geschichte. Nicht weil ich den Adrenalinkick brauche, wenn ich ohne Asthmaspray in völlig verstaubte Bibliotheken steige. Weil Historiker diesen Menschen ein Gesicht geben. Eine Stimme. Wir sorgen dafür, dass sie nicht vergessen werden. Damit in hundert Jahren, wenn alle Deutschen sich immer noch Stauffenberg klammern, es ein paar Menschen (außerhalb Israels)  gibt, die wissen, wer Mordechai Anielewicz war.

http://www.historama.com/online-resources/idf-israel-defense-forces-tzahal/Anielewicz.jpg

By the way, ich wurde, wie gesagt, nicht durch die Schule, sondern durch Zufall über einen Film auf den jüdischen Widerstand aufmerksam. Und trotz historischer Schwächen bin ich noch heute sehr froh, dass es ihn gibt: