Sonntag, 1. August 2010

Die Geburt der Tragödiepopödie

Seit dem Wintersemester 2008/09 lag sie da. Diese Hausarbeit über die Menschenwürde. Rund 200 Seiten an Notizen und kein Ende. Irgendwann musste ich bei dem bloßen Gedanken an das Wort ‘Menschenwürde’ brechen. Noch immer befinden sich kleine Bröckchen unter der Ä und dem F meiner Tastatur. Im März 2010 wusste ich, das wird nix mehr mit mir und dieser Hausarbeit. Menschenwürde und ich, das passt einfach nicht.

Also ein neues Seminar belegen, es war der letzte Philosophieschein meines Studiums, nur welches nehmen? Wir hätten da Kant – besser nicht, die Brechbrocken von “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten'” waren immer noch unter dem G und H. Oder “Cassirer – Philosophie der symbolischen Formen” – WTF? Oder "Persistenz physikalischer und biologischer Systeme” – WTF? Ach, und wir hätten noch Nietzsche. Hm. Nietzsche. Puh. Ja. Okay. Worum geht’s? Aha, aha, um irgendwelche Vorurteile der Philosophen. Das pack ich. Dachte ich.

In der ersten Stunde steht ein quietschfideler, rundlicher Professor vorne und verkündet: Ne, das Thema hätten’se geändert, Nietzsche wär’s zwar immer noch, aber jetzt “Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik”. In der letzten Reihe sitzt die Claudia mit etwa zwanzig gelesenen Seiten “Von den Vorurteilen der Philosophen” und denkt “Puh. Ja. Okay. Das pack ich.”

Und der Albtraum nahm seinen Lauf.

Sie haben die Live-Berichterstattung aus dem mittwöchlichen neunten Kreis der Hölle verpasst? Dann gestatten Sie mir Ihnen einen buntgemischten Eindruck davon zu geben (als fleissiger Blogleser gehe ich davon, dass Sie wissen, wer Walter ist..):

Twitter - ⒸⓁⒶⓊⒹⓘⒶ- oh. walter ist aufgewacht ..._1280513789618.pngTwitter - ⒸⓁⒶⓊⒹⓘⒶ- ich überlege wie weit ich ..._1280513797922.pngTwitter - ⒸⓁⒶⓊⒹⓘⒶ- wir springen hier inhaltli ..._1280513805398.pngTwitter - ⒸⓁⒶⓊⒹⓘⒶ- ..von romeo und julia zu m ..._1280513818693.pngTwitter - ⒸⓁⒶⓊⒹⓘⒶ- walter hat gerade gesagt, ..._1280513773894.pngTwitter - ⒸⓁⒶⓊⒹⓘⒶ- ..damit wäre dann wohl auc ..._1280513781797.pngTwitter - ⒸⓁⒶⓊⒹⓘⒶ- reden nun über marx. jetzt ..._1280512738727.png

Es waren drei sehr lange Monate. Sehr, sehr, sehr lange Monate. Und es grenzt an ein Wunder, dass ich weder mich selbst noch andere verletzt habe und mich auch nicht dazu entschlossen habe, dieses Studium hinzuwerfen.

Dieses Buch (“Die Geburt der Tragödie”) ist der größte Schmonsens, den ich in 57 Semestern lesen musste. Und ich studiere Philosophie, ich muss also viel Schmonsens lesen. Doch das Schlimmste war, ich musste eine Hausarbeit darüber schreiben. Zwanzig Seiten. “Puh. Ja. Okay. Das pack ich.” dachte ich. Mal wieder.

Und tatsächlich. Ich ließ meinem ganzen Frust, meinem Walter-Hass und meiner gottgegebenen Nietzsche-Antipathie freien Lauf und schrieb in einem 48-stündigen Rausch eine Hausarbeit, der ich den wundervollen Untertitel “Ein sachliches Pamphlet” gab und ein Manifest darüber ist, warum alles, was Nietzsche in diesem Buch schreibt falsch und unwissenschaftlich und blöd ist.

Und die letzten Sätze möchte ich euch nicht vorenthalten:

>> Am Ende wollen wir Nietzsche noch einmal selbst zu Wort kommen lassen, denn im nachträglich eingefügten „Versuch einer Selbstkritik“ bezeichnet er „Die Geburt der Tragödie“ als ein fragwürdiges Buch, ein wunderliches und schlecht zugängliches Buch, ein unmögliches Buch, ein verwegenes Buch, das vielleicht für Künstler geeignet ist: „Ich heisse es schlecht geschrieben, schwerfällig, peinlich, bilderwüthig und bilderwirrig, gefühlsam, hier und da verzuckert bis zum Femininischen, ungleich im Tempo, ohne Willen zur logischen Sauberkeit“. 
 
Zumindest in diesen Punkten wollen wir Nietzsche nicht widersprechen. <<

100729-103150
Es war die letzte Hausarbeit meines Lebens und wenn man nicht in seiner letzten Hausarbeit ein wenig auf Michel Friedman machen und gepflegt rumpöbeln darf, wann dann?