Montag, 19. Juli 2010

Halb verwest und ohne Fingerkuppen

Manchmal habe ich Angst vor dem Alter.

Die meiste Zeit kann ich es verdrängen. Aber dann sehe ich auf WDR einen Bericht über Altersheime, auf VOX eine Reportage über Animal Hording und eine alte Frau, die so viele Katzen hat, dass sie noch nicht einmal bemerkt, dass eine schon länger tot hinter der Schrankwand liegt – oder wie jetzt, wie eine übergewichtige Blondine in pompösbunten Kleidern und stets abartig guter Laune auf RTL das Messie-Haus zweier Rentner grundsaniert.
 
Und wenn man das Ehepaar Degelmann so sieht, wie es inmitten von vergammelten Lebensmitteln, toten und lebendigen Mäusen, Müll, Spinnenweben und Dreck lebt, dann frage ich laut: “Ja, haben die denn keine Kinder, die da kein Auge drauf haben?” Zwei Minuten später sagt Herr Degelmann dann, dass er leider keine Kinder zeugen konnte und ich schlucke. Denn in solchen Momenten schreit mir eine heisere Gollumartige Stimme ins Ohr: “Schau! Deine Zukunft!”

Ich habe nicht vor zu heiraten oder mich generell emotional an einen Penis zu binden. Da wird das mit dem Kinderkriegen ein wenig schwer. Also werde ich alleine alt. Statt Familie werde ich Katzen haben. Ich schätze fünfzehn. Irgendwann werde ich den Überblick verloren haben.

Außer meiner Katzen werde ich niemanden mehr zum Reden haben, denn meine Freunde habe ich alle vergrault und Twitter gibt es nicht mehr. Und da eine nicht unerhebliche genetische Wahrscheinlichkeit besteht, dass ich an Alzheimer leiden werde, wird das mit dem Bloggen auch nichts mehr. Also werde ich im fragwürdigen hygienischen Zustand an Bushaltestellen sitzen und Fremde ansprechen oder bei der Zuschauer-Hotline von Phoenix anrufen, um Studenten in den Wahnsinn zu treiben.

Irgendwann, zu einem Zeitpunkt, an dem mir mein eigenes Elend schon lange nicht mehr bewusst sein wird, werde ich einen Schlaganfall erleiden und nach zehn Tagen tot in meiner Wohnung gefunden werden. Halb verwest und ohne Fingerkuppen, denn von irgendwas mussten die Katzen in der Zwischenzeit ja auch leben.

Manchmal habe ich Angst vor dem Alter.