Freitag, 2. Juli 2010

Belgier schreiben schöne Bücher

Dimitri Verhulst. Klingt wie der Name eines Charakters aus der Hannibal-Lecter-Reihe. Irgendwie schmierig. Grob. Rauchend. Fluchend. Auf ukrainisch. Ich sehe Goldzähne. Einen schwarzen Ledermantel. Schlagring. Fettige, lange Haare. Koks. Und Wodka. Huren sowieso. Massenweise Huren. Würde ich eine Person zu dem Namen Dimitri Verhulst erfinden, sie wäre genau so.

Als Gott Dimitri Verhulst erfunden hat, hat er aus ihm einen Belgier gemacht.

Und wie wir alle wissen, sind Belgien gebildet und feinsinnig. Sie besuchen regelmäßig ihren Zahnarzt, kleiden sich gut, waschen sich die Haaren und die einzigen Drogen, die sie kennen, verkaufen und zu sich nehmen sind Schokolade und Waffeln. Belgier sind nett. Unauffällig. Höflich. Und sie schreiben schöne Bücher.

Zumindest Dimitri Verhulst.

Ich habe in diesem Jahr nicht viele Bücher gelesen (und bei entsprechendem Bedarf zaubere ich tausend abenteuerliche Gründe aus dem Hut, warum dem so ist), aber ich habe “Madame Verona steigt den Hügel hinab” gelesen.

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Worum es inhaltlich geht, ist in einem Atemzug erzählt: Madame Verona hat soeben das letzte Holzscheit des Vorrats verfeuert, den ihr Mann vor seinem Tod für sie angelegt hatte, und begibt sich von dem Hügel, auf dem ihr Haus steht, runter ins Dorf Oucwègne, um dort in der Kälte zu sterben. Und während sie im Freien sitzt und langsam erfriert, denkt sie an die vergangenen Jahre. An ihren geliebten Mann. An das Haus, das sie auf dem Hügel kauften. An die Hunde, die ihnen auf Schritt und Tritt folgten. Und vor allem an die schrulligen Bewohner des Dorfes mit all ihren Eigenarten.

Es wird das Geheimnis gelüftet, warum eine Kuh Bürgermeister von Oucwègne wurde, warum sich die Bewohner von einer Tierärztin behandeln lassen und warum man Celli nicht aus jedem Holz herstellen sollte.
Dies alles beschreibt Verhulst mit einer solchen Verve (und ich bin Verhulst allein schon deswegen dankbar, dass ich nach 27 Jahren endlich die Gelegenheit habe, dieses Wort einmal zu verwenden), dass man als Leser quietschvergnügt und glucksend tief im Ohrensessel versinkt.
Dass dieses Buch ein ganz besonderes ist, wusste ich spätestens auf S. 27, als Verhulst das vierte Kapitel mit den Worten “Obwohl sein Vater sich in recht jungen Jahren an einem Ast erhängt hatte, verstand Monsieur Potier rührend wenig von Bäumen.” einleitete..
Ich habe dieses Jahr vielleicht nicht viele Bücher gelesen, aber, verdammt, ich habe die richtigen gelesen! Und das solltet ihr auch!!