Montag, 14. Juni 2010

Flucht

Heidewitzka. Da las ich heute einen Blogkommentar, den ich zweimal lesen musste und der mich schon ein wenig schlucken ließ (siehe hier).

Nun war mir bis gerade wirklich nicht bewusst, dass mancher Berliner lieber unter sich bleibt und allgemein eher negativ über die Zugezogenen denkt. Ist aber okay, ich kann’s, bis zu einem gewissen Grade auch verstehen.

Dennoch fühle ich mich nun dazu verpflichtet zu erklären, warum ich nächstes Jahr nach Berlin ziehen möchte.

Zuerst möchte ich darlegen, warum ich überhaupt aus Bonn wegziehen möchte. Zum einen muss ich fliehen. Meine Familiensituation ist sehr komplex, zu komplex, als das ich sie in wenigen Worten darlegen könnte. Sie ist zu komplex, als das ich hierbleiben könnte. Es würde auch nicht reichen nach Aachen zu ziehen, nach Köln oder Düsseldorf, es wäre zu nahe, sie würden ihre Finger nach mir austrecken, mich vermessen und wiegen und richten, so wie sie es immer tun. Claudia macht keine kaufmännische Ausbildung, Claudia studiert nicht BWL, Claudia macht was anderes, Claudia ist anders. Naserümpfen, Kopfschütteln, Familienratssitzung.

Ich muss fliehen.

Wohin?

Was mag ich denn? Was kann ich denn?

Ich mache was mit Geschichte. Mit Moralphilosophie und Ethik. Zweiter Weltkrieg. Shoa. Tote. Tote. Das mache ich, das kann ich, das kenne ich.

Damit komme ich in Bonn nicht weit. Das ‘Haus der Geschichte’ nimmt nur promovierte Volontäre. Unsere ‘Gedenkstätte’ hat nur eine volle Stelle und zwei Halbe und ist der Endstein einer Geisteswissenschaftlerlaufbahn. Ist aber auch egal, da ich fliehen muss. Wohin dann?

Jerusalem? Yad Vashem?

Da war ich schon. Nein, danke.

Soll ich nach Oświęcim ziehen und dort im Museum arbeiten? Wart ihr mal in Oświęcim? Da ist Gras. Und Steine. Und Bäume. In meiner Sockenschublade ist mehr los.

Wo soll ich hin? Dahin wo es mir gefällt. Also nach Namibia. Ich würde es machen, wenn da nicht der Kredit wäre. Der Kredit der Bank, den ich zurückzahlen muss. Den kann ich nicht bezahlen mit irgendeinem Job in Windhoek. Den kann ich nur mit einem Job in einem westeuropäischen Land bezahlen.

Also muss ich irgendwo in Westeuropa einen Job finden, irgendwo, wo ich die Sprache spreche. Spanien, Portugal, Frankreich, England, Belgien, Luxemburg, Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland, Deutschland. Wo meine Familie nicht so leicht hinkommt. Niederlande, Österreich, Schweiz.

Also England oder Nord- bzw. Ostdeutschland.

Jetzt ist es so. Ich kenne da eine Stadt. In der kenne ich kaum jemanden. Was ideal ist. Also für mich. Diese Stadt mag ich, nicht weil sie hip ist und jeder dahin will. Ich mag sie wegen der Vielfalt. Ich mag sie wegen dem Mauerparkflohmarkt, auf den ich jeden Sonntag letztes Jahr gegangen bin, als ich dort gewohnt habe. Ich mag Berlin wegen ‘Mamsell’ in Schöneberg. Ich mag Berlin weil es diesen schludrigen Charme hat. Ich verkläre Berlin nicht. Ich erwarte nicht, dass mein Leben in Berlin plötzlich wunderbar und voller Sonnenschein und Öpve sein wird. Um eine völlig bescheuerte Postkarte zu zitieren: “Ich weiss nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird, aber ich weiss, dass es anders werden muss, wenn es besser werden soll.”

Ich werde, sofern meine Magisterarbeit nicht gegen alle Erwartung nur zum Toilettenpapiergebrauch reicht, in Berlin promovieren. Ich werde mich bei einer Nichtberliner Stiftung um ein Stipendium bewerben. Ich nehme niemandem den Arbeitsplatz weg – und ich kann nicht fassen, dass ich das schreibe. Wieso schreibe ich das? Wieso glaube ich rechtfertigen zu müssen, dass ich nach Berlin gehen will?

Liebes unbekannte Mädchen vom 14. Juni,
in Bonn erwartet mich nichts, ich werde nicht hierbleiben können, es sei denn ich halte meinen von meiner Familie verursachten, bisherigen psychischen Verfall für fortsetzungswürdig.
Ich habe nicht vor, mich dann Berlinerin zu nennen. Ich bin Rheinländerin, mit viel niederländischem und französischem Blut, und Gott ja, ich bin Preußin, aber ich werde keine Berlinerin sein, selbst, wenn ich da beerdigt werden sollte.
Und ich habe da rechts “Hier bin ick ooch” geschrieben, weil ich das schön finde, wenn Leute so sprechen und @Judetta dafür liebe. Ich habe noch nie einen Ossiwitz erzählt und werde damit auch nicht anfangen, wenn ich in Berlin bin. Ich gehe nach Berlin, weil ich an persönliche Weiterentwicklung glaube, an Emanzipation, an seelische Autarkie, und weil ich glaube, dass ich zumindest das dort finde. Ich weiß, du hast mir das nicht unterstellt und dennoch fand ich, dass das notwendig war, das alles zu sagen.

Ich werde nächstes Jahr fliehen.

Und Berlin wird mir Asyl gewähren.