Montag, 31. Mai 2010

Locker durch die Hose atmen

Ich habe einen bissigen Humor. Tiefschwarz. Bitterböse. Und mit einem gewissen Hang zur political incorrectness. Ich gestehe, ich habe im Jahr 2002 selbst über einen Holocaustwitz geschmunzelt. Ich weiß nicht mehr wie er ging und während ich auf dem Schulhof so vor mich hinschmunzelte, wusste ich, dass es falsch und böse war und ich dafür in die Hölle kommen würde. Was aber wesentlich ist, dieser Witz geschah im privaten Rahmen. Der Witz wurde erzählt, es wurde gelacht und er wurde vergessen.

Leider verhält es sich in Räumen wie dem Internet nicht so. Leichtfertig dahingebrabbelte Äußerungen entwickeln eine Eigendynamik und enden oft mit ungenügenden Rechtfertigungen. Als Tweet oder Blogpost sind sie so gut wie in Stein gemeisselt. Unauslöschbar. Ich habe das in abgeschwächter Version selbst schon erlebt, und am Samstag Abend durfte ich Zeuge werden, wie das auf mannigfaltige Weise bei anderen geschah. 


Und was war am Samstag Abend? Rischtisch. Die Wir-sind-Lena-Night. Jetzt ist nicht jeder Lena-Fan und das ist okay. Ich bin kein Lena-Fan und habe mich trotzdem über jeden Punkt, den wir bekommen habe, gefreut wie ein zugekokstes Fohlen. Man muss sich darüber nicht freuen, dieses Nationalgedingse ist hierzulande immer noch kein normales Phänomen. Vielleicht nie. Das hat seine Gründe.

Und wenn @placetogo denkt:

Twitter - Liese- Wie ihr Lena abfeiert verd ..._1275230566610.png 
..dann denkt sie das halt. Muss man ja nicht gut finden. Muss man nicht zustimmen. Ich fand’s auch nicht gut.

Twitter - UARRR- Unfollow @placetogo._1275230551315.png
Es gibt meiner Ansicht nach aber schlimmeres. Obwohl der Hitler-Vergleich schon eine Eigendynamik entwickelte, war es dann die Punktevergabe von Israel, die meine Timeline in zwei Lager spaltete. Als nach Israel geschaltet wurde, dachte ich schon “Uh. Uh, uh, uh…” und als es dann Null Punkte hieß, dachte ich nur “Na, jetzt bin ich aber überrascht!” Leider verführte es manche Menschen bei Facebook und Twitter zu weniger netten Aussagen:

Twitter - Marcel- Israel, scheiß Juden!_1275230582375.png

Eine Blockaufforderungswelle zog sofort ihre Kreise, und da einige noch krassere Sachen gesagt hatten, unterstützte ich das teilweise sogar. Das Ding ist nur, was wenn ich sowas geschrieben hätte wie “Na, sind wir heute mal wieder nachtragend?”, wäre ich dann auch auf einer Antisemitenliste gelandet? Das Problem ist, man kann es nicht beantworten..

Der Samstag Abend hat mir mal wieder vor Augen geführt, wie schnell man im Internet eine Lawine lostreten kann. Irgendeine Bemerkung, gar nicht wortwörtlich gemeint, in der Annahme, sie wäre lustig, führt zu einem Riesenecho. Da hilft es auch nicht, wenn man schnell noch hinterher schreibt:

Twitter - Marcel- [Ich meinte das letzte nat ..._1275230594669.png

Ich sage ja gar nicht, dass alle, die an dem Abend unangebrachte Judenparolen hinausposaunten, missverstandene Kreaturen sind, die meisten sind ahnungslos und dumm und damit gefährlich. Aber nicht hinter jedem schlechten Tweet, jedem schlechten Witz, hockt ein Rassist, Antisemit, Schwulenhasser oder oder oder. Manchmal hockt da nur ein schlechter Witzereißer, der es nicht besser wusste. Und deshalb sollten wir nicht immer sofort mit dem Bashing anfangen, sondern erst mal locker durch die Hose atmen und zivilsiert bleiben.

Das ist meine Meinung. In Stein gemeisselt. Unauslöschbar.