Sonntag, 16. Mai 2010

Keine Hobbythek!

Es ist fast unmöglich dieses Geräusch zu umschreiben.
Metallisch.
Und gleichzeitig – schlurfend.
Es ist ein Geräusch, das Grauen verheisst. Metallene Krücken, die sich langsam, schleppend, über das Universitätsparkett ziehen. Und den, den sie aufrecht halten, immer näher führen. Immer näher zu Hörsaal XII. Immer näher zu mir.
Es scheint eine Ewigkeit zu dauern, aber dann öffnet sich die Tür und die Krücken schieben Stück für Stück das Häuflein Mensch hinein, das sich vorgenommen hat, in diesem Semester Objekt meiner inbrünstigen Abscheu zu werden.
Walter.
Walter ist irgendwas zwischen 65 und 101.
Walter ist Student.
Und damit wäre schon alles gesagt.
Seit meinem ersten Semester sind sie da. Renterstudenten. Sie sind da. Riechen seltsam. Atmen zu laut. Und nerven.
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Sehr verehrte Damen und Herren, verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe durchaus Verständnis dafür, dass man plötzlich an seinem 70. Geburtstag feststellt, dass das Leben keinen Sinn mehr hat und dass es im Grunde nie einen gehabt hat. Also meint ihr, nun das nachholen zu müssen, was ihr damals nicht konntet. Weil Krieg war. Oder der Kaiser es verboten hatte. Oder was weiß ich.
Aber, meine lieben Hausfrauen, Mütter und ehemalige Schreiner, die Universität ist keine Hobbythek. Und nur, weil euch keiner daran hindert, euch zu immatrikulieren, heisst das noch lange nicht, dass ihr das auch tun solltet. Es hindert mich ja auch keiner daran, Walter mit seiner Krücke einfach zu erschlagen – aber deswegen mache ich es noch lange nicht!
Ihr schaut in eure Spiegel mit dem selbstgehäkelten Deckchen darunter und meint eure Existenz damit bereichern zu müssen, indem ihr uns mit eben dieser auf den Sack geht.
“Uns” – das sind die richtigen Studenten. Das sind die, die zur Universität gehen, weil sie dort ausgebildet werden. Weil sie nachher einen Beruf ergreifen wollen. Arbeiten wollen. Um eure Rente bezahlen zu können.
Doch das können wir nicht, wenn ihr euch immatrikuliert und uns Seminarplätze wegnehmt. Wenn ihr hinter einem sitzt und einem tuberkoloseverdächtig in den Nacken hustet, während man versucht zu verstehen, was der Professor sagt. Wenn ihr, weil ihr euch einfach nur aufgrund der Tatsache, dass ihr bei der Reichsgründung in Versailles dabei wart, 10-minütige Vorträge haltet - natürlich ohne euch vorher zu melden. Das ist verständlich, eure Schulzeit ist schließlich schon so lange vorbei, dass ihr euch nicht mehr daran erinnern könnt, dass man aufzeigt. Und ihr könnt nicht sehen, dass alle anderen Studenten, die nach 1980 geboren wurden, aufzeigen, denn dafür müsstet ihr ja neue Brillengläser besorgen und das wäre ja Geldverschwendung, denn die von 1952 tut’s doch immer noch einwandfrei.
Aber all das wäre nur halb so schlimm, wenn ihr nicht meinen würdet, ihr wüsstet ohnehin schon alles. Lieber Walter, wenn der Professor sagt, dass Nietzsche und Wagner keine gegenseitige Freundschaft verband, dann glaub ihm das doch einfach, auch wenn er 20 Jahre jünger ist, dieser junge Spund.
Ich weiß, ihr seid alt, eure Freunde sind wohl schon mehr oder weniger alle tot. Die, die noch leben sind taub oder dement. Eure Kinder sind aus- und weggezogen. Ihr braucht Gesprächspartner, wollt euch austauschen, euch mitteilen, wollt einfach nur mal reden.
Aber die Universität ist dafür nicht der richtige Ort. Wir Studenten sind dort zum Lernen. Um ausgebildet zu werden. Dafür brauchen wir unsere ganze Energie. Und wenn ihr da seid, dann verbrauchen wir unsere ganze Energie, um uns selbst zu überzeugen, dass Mord keine Lösung ist.

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Liebe Rentner, verhaltet euch doch wie Rentner. Geht Boule oder Karten spielen, häkelt und strickt, seid liebevolle Großeltern, fahrt in Urlaub, sammelt Briefmarken und wenn ihr das Bedürfnis habt euch noch fortzubilden, dann besorgt euch eine Büchereikarte. Aber bitte, bitte, haltet euch von Hörsaal XII fern. Vielen Dank.

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