Samstag, 6. März 2010

blutige Schuhe

Mein rechtes Auge zuckte leicht und ich merkte, wie sich meine Mundwinkel zu einem frostig-falschen Lächeln nach oben zogen. Hatte sie das gerade gesagt? Vielleicht hatte ich mich verhört.
Nein, hatte ich nicht, das wusste ich. Sie lächelte mich an. Aufrichtig. Und lieb und nett. So wie sie halt war. Beinahe arglos. Ahnungslos. Sie wusste es zu diesem Zeitpunkt noch nicht, ich selbst wusste es noch nicht, aber in diesem Moment hatte sie unsere Freundschaft beendet.
Ich starrte auf den Kaffee vor mir, spürte wie sich mein Magen oder Darm oder irgendwas anderes fieses in mir ganz unnett verkrampfte und hoffte irgendwie, dass sie all das nicht bemerkte. Das zuckende Auge. Das frostige Lächeln. Die Hand vor dem schmerzenden Bauch. Ich überlegte welche Emotion dieser Situation am ehesten entsprach. Wut? Enttäuschung? Ich tauchte hinab in mein Innerstes und fand - nichts.

Natürlich tauchte hin und wieder der Gedanke "du versc☠%↯es stück sc☠%↯e." auf. Aber ganz leise und beinahe zärtlich geflüstert. Ansonsten war ich innerlich tot.
Dabei hatte sie gar nichts schlimmes gesagt. Oder getan. Es war auch nicht wichtig, was sie gesagt hatte. Wichtig war nur die Erkenntnis, diese grausame Erkenntnis, die einen mit voller Wucht trifft, dass diese Freundschaft ihren Zenit überschritten hatte, dass der finale Punkt erreicht war, an dem man nicht mehr leugnen konnte, dass dieser platonischen Beziehung ihre Sinnberechtigung entzogen wurde.
Wir hatten nicht einfach nur andere Lebenswege eingeschlagen. Waren unterschiedlichen Ideologien und Philosophien gefolgt. Hatten uns nicht einfach nur entfremdet. Wir lebten auf unterschiedlichen Planeten in unterschiedlichen Sonnensystemen. Und deswegen hatte sie nicht den blassesten Schimmer, dass das, was sie gerade mit einem lapidaren Nebensatz mir mitgeteilt hatte, für mich wie ein Genickschuss war. Einer der unerfreulichen Sorte, da völlig unerwartet.
Ich ließ mir nichts anmerken, während mir das Blut den Nacken runterfloss, ließ sie weiter erzählen, fragte hier und da nach, dann bezahlten wir, gingen noch ein Stück des Weges gemeinsam, ich lachte und scherzte, umarmte sie und ging alleine weiter mit dem Wissen, dass ich sie nie wieder sehen würde.
Das Blut floss mir den Rücken und die Beine runter in die Schuhe, die quietschten und ich wurde traurig, denn ich wusste, dass diese Freundschaft schon lange vorbei gewesen war und wie in einem Wachkoma nur mühsam am Leben erhalten wurde.

Alte Freunde sind schwer zu verlassen. Man kennt sich schon so lange, dass man gar nicht mehr weiß, wie es war, als sie nicht da waren. Der Gedanke scheint abwägig sich zu verabschieden, nur weil wir nicht mehr die sechzehnjährigen Gören von damals sind.
Und doch.. manchmal.. wenn man zu lange wartet.. es nicht wahrhaben will.. dass man einer Freundschaft hinterherhängt, die keine mehr ist.. nur leere Illusion, ein emotionales Luftschloss.. dann passiert es unweigerlich, dass der Moment kommt, in der man sich in einer Sackgasse wiederfindet, ohne Ausweg, und den kalten Lauf eines Revolvers im Nacken spürt, und man plötzlich weiß, dass es so kommen musste.
Ich habe mich immer schwer getan mit Freunden zu brechen. Früher oder später wurden aus Ex-Freundinnen wieder Freundinnen. Nur damit sie wieder zu Ex-Freundinnen wurden und wieder zu Freundinnen.
Doch manchmal eben nicht. Freundschaften haben ein Haltbarkeitsdatum, das wir meistens nur erahnen können. Und wenn wir uns weigern zu erkennen, dass die Freundschaft schon längst müffelt und schimmelt, stehen wir nun mal eines Abends an einer Bushaltestelle in blutigen Schuhen. 
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