Samstag, 13. Februar 2010

Sartre Roadkill

Da stehe ich nun. Die Augenbrauen finster zusammen gezogen, Schweißperlen auf der Stirn, hoffend, dass mich niemand sieht. Ein kurzer Blick nach rechts und links, dann greife ich zögernd, widerwillig, nach diesem schwarz-pinken Etwas aus dem Regal. Eigentlich will ich gar nicht. Alles in mir sträubt sich. Diese ganze Diskussion. Jeden Artikel habe ich gelesen, jeden Beitrag dazu im Fernsehen geschaut. Erst habe ich überlegt auf meinen Roller zu steigen, nach Berlin zu fahren und der jungen Dame ein paar in die jugendliche Fresse zu hauen. Dann hüpfte der Zorn fröhlich über zu diesen selbstherrlichen Feuilletonisten, die irgendeinen meschuggenen Dummsinn schwafelten über den antiquierten Anspruch auf geistiges Eigentum. Ich verlor mich tageweise in Deefs Blog, blieb (gegen meinen aktuellen rentnerischen Tagesablauf) bis spät auf, um ihren Auftritt bei Monsieur Schmidt in der ARD zu sehen und versuche mich parallel daran zu erinnern, was in den letzten Jahren mich so gefesselt hatte wie dieses Thema, diese Frau, dieses Kind, dieses Buch.
Und nun sitze ich hier. Kratze mich nervös am Kopf. Blicke unsicher hin und her. Hoffentlich sieht mich keiner, denke ich und fange an zu schwitzen wie ein adipöser Eisbär in der Sahara. Zu meiner Überraschung beachtet mich niemand. Ich schlage das Buch auf, lese, lese nochmal, blättere in die Mitte, zum Ende, lese dort, hier, beginne zu verstehen, wenn Kritiker von teilweise unlesbaren Passagen sprechen und finde schnell Stellen, welche u.a. von der FAZ als fremdinspiriert entblößt wurden (klingt schöner, als "geklaut").
Unversehends erreiche ich einen Punkt, in dem mein Unterbewusstsein die Entscheidung trifft das Buch zu kaufen. Da ich es aber nicht mit meinem literarischen Gewissen vereinbaren kann nur mit diesem Buch zur Kasse zu gehen, tigere ich vor den restlichen Regalen hin und her. Um den Eindruck zu vermeiden, ich gehöre zu jenem verabscheuungswürdigen Teil der Menschheit, auch Pöbel genannt, der deswegen ein Buch kauft, weil die Bestsellerliste es einem diktiert und es eben alle so machen. Mit den Fingern streichel ich zärtlich über die Buchrücken von Fitzgerald, Greene, Irving, Mann, Kafka (also richtige Schriftsteller) und entscheide mich am Ende aus gegebenen Anlass für Sartres "Der Ekel".
Eine wundervolle Kombination. Mit hocherhobenem Kopf schreite ich zur Kasse, knalle die beiden Bücher auf die Theke und brülle "Ich weiss, was Sie jetzt denken, aber die Tatsache, dass ich neben diesem Werk der Poparschfickliteratur auch dieses Buch kaufen werde, verweist auf meinen untrüglichen Geschmack und meinen beneidenswerten Sinn für gute Literatur." Und die Kassierin, die privat nur Harry Potter liest, flüstert ehrfurchtsvoll "Sie sind die Größte!" Ich nicke, sage "So isses.", haue die fünfundzwanzig Kröten neben die Kasse und spaziere pfeifend aus dem Buchladen.