Dienstag, 22. Dezember 2009

the windy city

Es ist windig in Jerusalem in diesen Tagen. Der Wind bahnt sich seinen Weg durch die Täler und Straßen der Stadt, um dann einer Ejakulation gleich auf den Hügeln alles hinfort zu fegen. Ich habe noch nie einen solchen Wind erlebt. Er schleicht sich auf Zehenspitzen unter die Anziehmachen und lässt einen das Blut gefrieren. Und während man versucht den Wind daran zu hindern unter den Pulli wie eine körperlose Kakerlake zu klettern, braucht man seine ganze Kraft, um mit beiden Beinen auf dem Boden zu bleiben.

Ich spüre, wie der Wind sich unter meine Schuhsohlen gräbt, mich wegtragen will. Ich schließe die Augen und gebe nach, hebe den Fuß nur wenige Zentimeter an und spüre augenblicklich wie der Wind ihn packt, ihn nach oben reisst. Auf dem anderen alleine kann ich mich nicht halten, ich spüre, wie auch er in die Luft gehoben wird. Die Augen immer noch geschlossen, merke ich, wie der Wind sanfter wird, mich empor trägt, ich weiß nicht, in welche Richtung, weiß nur, ich treibe weiter und weiter.

Die Stunden vergehen, die Luft wird kühler, unter mir höre ich in der Ferne das Meer rauschen, über mir das Kreischen von Möwen. Ich lasse die Augen zu, scheine körperlos zu sein, während ich vom Wind immer weiter getragen werden. Plötzlich wird die Luft eiskalt, das Atmen fällt schwer, ich ziehe die Jacke fester um mich, doch es nützt nichts. Als ich denke, ich halte es nicht länger aus, spüre ich wie der Wind mich absetzt, sanft, fast liebevoll.

Ich öffne die Augen und der Mann hinter der Glasscheibe lächelt gedehnt. "Der Pass." sagt er. Ich taste nach dem roten Pass, der Heimat verheisst, und reiche ihn ihm. Ein flüchtiger Blick seinerseits auf das unvorteilhafte Foto im Pass, dann auf das durchaus genauso unvorteilhafte Original oberhalb meines Halses, bevor er mir den roten Lappen mit den Worten "Willkommen zu Hause." zurückreicht.