Montag, 7. Dezember 2009

Jonah und der Wal

Jonah und der weiße Wal. Nein, moment, das war ein anderer. Ahab! Aber Jonah hatte auch irgendeine unappetitliche Sache mit einem Wal laufen. Das Alte Testament wird bei den Katholiken zwar nicht so durchgenudelt wie das Neue, aber daran erinnere ich mich. Worauf will ich hinaus? Jonah lebt. Hier. In Jerusalem. Und tagaus, tagein sitzt er immer noch in einem großen, weißen Wal:


Wenn man da so sitzt, in so einem Wal aus Blech und Metall, den lieben, langen Tag, und die dummen, dummen Touristen, die alle kein Hebräisch sprechen, über das Gelände von Yad Vashem bugsieren muss, dann kann man schon mal ein griesgrämiger, alter Mann werden. Vor allem, da sich in einem solchen Schicksal doch offenbart, dass Gott alle Jonahs dieser Welt per se nicht sonderlich lieb hat. Als ich das erste Mal zu Jonah in den Wal stieg, wusste ich nicht, dass er Jonah war und dies sein Wal, dass Gott ihn nicht liebt und dass man ihn auf keinen Fall irgendwas auf englisch fragen darf. Oder sagen. Oder atmen.
Es grenzt an ein Talent des alten Mannes, der während einer Fahrt gerne willkürlich anhält, um die Insassen anderer Autos in Grund und Boden zu brüllen, seinen Fahrgästen innerhalb der Fahrt, die nicht lange dauert, aber lange genug, das Gefühl zu geben, das Objekt intensivsten Hasses geworden zu sein.
Am selben, ersten Tag holte ich mir Informationen ein, wie man Jonah in seinem Wal bändigen könnte.
Regel No.1 "Nicht auf englisch mit ihm sprechen. Never ever!"
Regel No.2 "Wenn man den Wal betritt auf hebräisch einen Guten Tag wünschen."
Regel No.3 "Wenn man den Wal wieder verlässt auf hebräisch artig Danke sagen und noch einen schönen Tag wünschen."
Ich schrieb die Regeln in mein rosafarbenes Diddl-Poesiealbum, das ich immer unter dem Herzen trage und versuchte in den nächsten Wochen mein Glück. Ich sprach kein englisch, sagte Schalom, sagte Toda und Jom Tov. Die einzige Besserung war, dass er mich nicht mehr anschnauzte, sondern meine Existenz schlichtweg negierte. Diese Verweigerung der Anerkennung meines schlichten Daseins ging soweit, dass vor etwa zwei Wochen, als er mich an meinem Arbeitsplatz im Valley of the Communities absetzen sollte, vergaß.
Geschmeidig wie ein junges Erdhörnchen sprang er von seinem Sessel, verließ den Wal und ließ mich, bevor ich noch Schalom? sagen konnte im Wal zurück. Im Wal - dessen Türen zu waren. Ich stand für einige Sekunden etwas ratlos in dem metallenen Ungetüm und überlegte, ob die Situation aberwitzig sei oder nur dazu geeignet um wütend zu werden. Ich entschied mich vorerst für letzteres.
Die Beifahrertür, durch die Besucher und Mitarbeiter täglich rein- und rauskrabbelten, ließ sich nur durch einen Knopf auf der Fahrerseite öffnen. Ein Knopf, der offenbar sehr schüchtern war, denn ich konnte ihn nirgends entdecken. Und da der Motor weiterhin lief (die Israelis lassen ihre Wagen gerne halbe Dekaden lang mit laufenden Motoren stehen; man weiß nie, ob sie nur eben einkaufen gehen oder doch ein Haus bauen), hatte ich ein wenig Scheu wie wilde auf allem, was sich mir so darbot, drauf zu drücken. Stattdessen kletterte ich behände wie eine querschnittsgelähmte Bergziege auf den Fahrersitz, wobei ich bis heute der Überzeugung bin, dass die Besteigung der Eiger-Nordwand einfacher ist und floh laut fluchend aus dem Wal - unter den Blicken belustigter Dritten.

Dass dieser Vorfall ein Glücksfall werden würde, sollte sich erst am Abend zeigen, als Jonah schuldbewusst im Wal auf mich wartete, um mich nach oben auf den Mount Herzl zu fahren. Er entschuldigte sich zerknirscht, so wie sich nur alte Männer und kleine Kinder entschuldigen können und fuhr mich direkt, statt wie üblich über den Schlenker zum Museum, nach oben. Und zwar mit folgenden Worten
"THIS-FOR-YOU-EXTRA!" Die Tatsache, dass der Mann meinetwegen eine Sprache sprach, die er aus tiefster Seele verabscheute, war mir Entschuldigung genug.

Seit diesem Tag verkehrten wir zwar nicht in inniger Verbundenheit, jedoch in stiller Akzeptanz und Würdigung unserer Existenzen. Wir grüßten uns artig, ich ließ ihn weiterhin die Welt anbrüllen und dafür durfte ich hin und wieder ein paar englischsprachige Touristen retten, die arg- und sorglos mit den Worten "Sorry, are you driving to Mount Herzl?" in den Bus stiegen.

Bis vor wenigen Tagen. Denn Jonah ist fort. Der Wal hat ihn ausgespuckt. Auf Gottes Geheiss. Nun sitzt ein junger, tättowierter Mann mit einem Zahnstocher zwischen den Zähnen am Steuer. Er brüllt niemanden an. Er fährt auch nicht wie ein betrunkener Berserker die Hügel von Yad Vashem hoch und runter. Er ist einfach nur da und fährt den Bus.


Und mir wird bewusst, dass ich den alten Mann lieb gewonnen hatte.