Freitag, 13. November 2009

Kennen Sie Yavne?

Yavneh Mizrach Station. Es ist 19.45 Uhr und eine pechschwarze Nacht liegt schwer über dem Ort wie dunkle, erbrochene Erbsensuppe. In der Ferne zirpt eine Grille um ihr Leben. Der Geruch von Kuhexkrementen liegt wie ein leichtes Parfüm über allem. Abgeschnitten von der zivilisierten Aussenwelt prüfe ich meine kargen Vorräte: etwa 200ml Wasser und vier Oreo Kekse. Ich spüre in mir den unbändigen Willen zum Überleben. Ein Blick auf das iPhone jedoch lässt den Lebenswillen verstummen: noch 63% Akkulaufzeit. Damit würde ich heute keinen Film mehr gucken können.
In früheren Situationen hätte ich mir eiskalt ein Taxi bis nach Jerusalem genommen. Mit 100 Schekel in der Tasche komme ich damit jedoch nicht sehr weit. Am Horizont flackern Lichter und lassen eine größere Ortschaft vermuten. Vielleicht schon der Gazastreifen, man weiß es nicht. Die Grille fängt an zu nerven.
Noch etwa eine Stunde, dann würde der Zug zurück nach Tel Aviv fahren. Tel Aviv. Ich hatte es heute morgen schon geahnt. Als ich aufgestanden war. Als ich eine 3/4 Stunde auf den Bus zum Bahnhof gewartet habe. Als ich eine Stunde auf den Zug nach Tel Aviv gewartet habe. Ich habe es die ganze Zeit geahnt. Nein, gewusst!
Ich, die diese absonderliche Fähigkeit hat, in Köln mehrfach hintereinander in den falschen Zug zu steigen und statt nach Bonn nach Mönchen-Gladbach zu fahren (weil beide Züge ja rot sind). Ich, die sich ständig und immer verläuft, die den Orientierungssinn eines zugekoksten Nacktmulls hat. Die ohne ihr iPhone Ortungssystem nachts nicht von der Bahnstation nach Hause findet (weil im Dunkeln plötzlich alles so anders ausschaut). Ich hatte es gewusst: es würde ein schlimmes Ende nehmen.
Und nun war es geschehen. Unausweichlich. Es kamen schon bei der Abfahrt in Tel Aviv Zweifel auf, ob ich mich denn da auch wirklich in dem richtigen Zug befände. Aber uns war nach dem gelungenen Tag nach fatalem Optimismus.
Der Zug hielt in Lod und ich dachte: "Hört sich schon mal gut und richtig an." Der Zug hielt in Rehovot und ich dachte: "Seltsam. An diese Station kann ich mich bei der Hinfahrt so gar nicht erinnern." Und dann kam die sms >Du, ich glaube, du sitzt doch im falschen Zug< und ich dachte: "Fuck."
Es war nach halb acht, der letzte Zug von Tel Aviv nach Jerusalem würde um acht fahren. Ich stieg an der nächsten Station aus. Dunkel war es da. Und verdammt kalt. Sobald die Sonne in diesem Land untergegangen ist, verwandelt sich alles in eine Stalingrad-Gedächnis-Region.
Ich erfahre von nubisch ausschauenden Pseudo-Sicherheitskräften, dass der nächste Zug nach Tel Aviv um 20.27 Uhr fährt. Dann wäre ich etwa um 21.00 Uhr in Tel Aviv. Müsste mich zum Busbahnhof durchschlagen, der den Ruf hat, so einladend wie das Bonner Loch zu sein. Dort dann Hoffen und Bangen noch einen Bus oder ein Sammeltaxi zu bekommen. Nach Jerusalem fahren. Von dort irgendwie zu meiner Wohnung. Anschließend über alles Lachen. Wunschdenken.
Denn während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich im blassen Mondlicht, wie meine Finger bläulich werden. Meine Kräfte verlassen mich, ringen unablässig durch meine Finger wie die Akkulaufzeit des iPhone. Doch bevor ich diese Welt verlasse und mich in diesen Graben dort zum Sterben lege - nein, vielleicht eher in den Graben dort hinten, ich glaube, in diesem hier liegt ein Tierkadaver - um sogleich von hungrigen Grillen zerfleischt zu werden, muss ich noch eine Sache loswerden, die ich mich vorher nicht zu sagen traute:
Mario Barth ist doof.

Doch, in der Sekunde, in der ich mich zum Sterben auf dem Boden in Embryohaltung zusammengerollt habe, taucht wie aus dem Nichts dieser Gedanke auf: Was würde Kara Ben Nemsi machen? Er würde nicht aufgeben! schreie ich laut in die Dunkelheit. Er würde sich mit warmen Kuhkot gegen die Kälte einreiben. Er würde Hadschi Halef Omar essen. Alles. Aber er würde nicht aufgeben!
Ich entscheide mich für weniger dramatische Möglichkeiten und suche Zuflucht auf dem Bahnhofsklo, auf denen es schon geschätzte 2-3 Grad wärmer ist. Ich spüre, wie im Angesicht der Porzellanschüsseln das Leben zurück in mich fliesst. Und als hätte Gott nur darauf gewartet, dass ich meinen Lebenswillen wieder entdecke, schickt mir der verfluchte Dreckssack einen Engel in Gestalt einer jungen Israelin mit einem ernsthaften Bambas-Abhängigkeitsproblem. Wir kommen ins Gespräch, wie man auf öffentlichen Toiletten nun mal ins Gespräch kommt, und schließen Blutsbrüderschaft. Wir warten zusammen auf den Zug, fahren gemeinsam nach Tel Aviv, suchen gemeinsam den Busbahnhof, ja, verdammt, sie kommt sogar mit in den Bus rein, um für mich mein Ticket zu kaufen.

Zehn Minuten später sitze ich auf dem letzten freien Platz, eingekeilt zwischen zwei orthodoxen Juden, deren Schläfenlocken mir im Fahrtwind zärtlich gegen Wangen und Nacken peitschen und schaue mit den verbleibenden 49% Akkulaufzeit auf dem iPhone die letzten Stromberg-Folgen an, während ich in Fünf-Minuten-Abständen eine Falafel-Sinfonie in d-moll rülpse.

Und unwillkürlich muss ich grinsen.