Donnerstag, 29. Oktober 2009

שלום

Nach drei Stunden Schlaf schäle ich mich aus meinem Bett und betrachte schweigend mein Gepäck. Rund 50kg habe ich höchst einfallsreich eingeschnürt und verpackt. Wenn's nach mir und nicht nach der Fluggesellschaft gehen würde, wüsste ich noch einige Kilos mehr, die ich gerne mitnehmen würde. Aber ich darf ja nicht. Die Herrschaften von der Tuifly sind ja der Ansicht, datt datt reischt!
Also schleife, ziehe und trete ich meine Koffer und Taschen laut polternd durchs Treppenhaus. Aufstehen, liebe Nachbarn, ist ja schon nach sechse! Man sollte sich immer mit einem Knall verabschieden. Kurz darauf sitze ich im Auto gen Flughafen und erkenne voller Schrecken, dass beim Handgepäck nur fünf Kilo erlaubt sind. Ich werfe einen Blick auf die kleine Reisetasche und überlege, wie ich sie möglichst schwungvoll tragen kann, dass nicht auffällt, dass ich 7kg drüber bin.
Am Flughafen schnell eingecheckt, einen ungenießbaren Kaffee getrunken, bei der Sicherheitskontrolle halb nackig gemacht, beim Vorbeilaufen am Duty Free Shop eingefallen, dass ich meine Shiseido Hautcreme vergessen habe, schnell gekauft (um dann beim Auspacken festzustellen, dass dies ein Irrtum war), durch eine weitere, spezielle Israelflüge-Sicherheitskontrolle, wieder halb nackig machen, dieses Mal mit anfassen. Dann warten. Erst im Boarding Bereich, dann im Flugzeug. Es folgt ein unbequemer Flug, da Tuifly Flugzeuge für Menschen konzipiert werden, die kleiner als 1,20m sind. Ich versuche zu schlafen, unterbrochen von Phasen, in denen ich mir die Halswirbel wieder einrenke und/oder Sabber von der Wange wische.
Die Maschine landet mehr oder weniger planmäßig und ich weiß, nun beginnt der spaßige Teil. Wie es nicht anders zu erwarten war, werde ich bei der Einreise von grimmig dreinschaunenden Gestalten rausgefischt. Denn ich bin im Besitz der ultraverdächtigen Einreisestempel der ultrafeindlichgesinnten Länder Jordanien und Ägypten. Was ich da gemacht hätte, will man wissen. Ich würde Alte Geschichte studieren, sage ich, das erkläre sich wohl damit von selbst. Und warum, wenn ich Alte Geschichte studieren würde, machte ich dann ein Praktikum bei Yad Vashem. Ich erkläre gleichmütig das deutsche Unisystem und die Existenz mehrerer Fächer. Die lustige Fragestunde, in der man versucht mir irgendwie einen Widerspruch zu entlocken, geht noch etwa 15 Minuten so weiter, bis ich schließlich den Computer rausholen muss, um meine Emailkorrespondenz mit Yad Vashem zu beweisen. Ich freue mich jetzt schon auf den Affentanz bei der Ausreise, wo man sicher jede Socke und jeden Schlüppi mit diesem Sprengstoffanzeigeteil abrubbelt (so geschehen 2007, und damals war ich nur in Jordanien).
Statt mit dem Zug nach Jerusalem zu fahren, entscheide ich mich für das wohlige Abenteuer eines Sammeltaxis. Spätestens als ich meine 50kg schweren Gepäckstücke selber in den Kofferraum schmeissen muss, dämmert es mir, dass es in Sachen Höflichkeit hier nicht weit her ist (offenbar hatte ich das verdrängt?!).
Eine halbe Stunde bis das Sammeltaxi voll ist (voller Franzosen! soviel Glück kann auch nur ich haben), eine Stunde bis Jerusalem und eine weitere bis der Grunzlaute von sich gebende Fahrer mich an meiner Adresse rauslässt. Vor dem falschen Haus, aber das sei hier Nebensache. In herkulischer Manier schleppe ich mein Gepäck zu meinem neuen Heim, finde den Schlüssel wie versprochen im Stromkasten, packe aus, ziehe mich um und haue mich in die Federn.
Ich bin sicher, das schlimmste ist überstanden, jetzt kann's nur noch schöner werden. Und kurz vor'm Einschlafen werde ich übermannt von einem Hauch von Wehmut.

Wie das Wetter jetzt wohl in Berlin ist, denke ich, bevor ich einschlafe.