Dienstag, 15. September 2009

Thorben

In meiner Zeit hier in Berlin wohne ich in einer voll möblierten Wohnung. Ich schlafe also in einem fremden Bett, sitze auf einem fremden Stuhl, esse von fremdem Geschirr. Ich. Ich, die noch nicht mal gebrauchte Bücher kauft, weil ich sie eklig finde (antike Erstausgaben ausgenommen) und nie weiß, was wohl der Vorbesitzer damit angestellt hat. Allein die Tatsache, dass er sie hergibt, macht mich misstrauisch.

Und nun das. Mein Problem ist, dass ich nun noch nicht einmal weiß, wer hier vor mir gewohnt hat. Und da ich es nicht weiß, beginnen meine Gedanken zu rasen und vor meinem geistigen Auge kann ich ihn sehen. Thorben, den Vormieter. Thorben, der Anfang Dreißig ist, rotblonde Haare hat, der nur drei Unterhosen besitzt und alle zwei Wochen duscht. Thorben, der, wenn er zuhause war, die ganze Zeit am Computer World of Warcraft oder Second Life gespielt oder ferngesehen hat. Thorben, den seine kleine Fettschürze nicht daran hindert, seine Freundin überall in der Wohnung nach allen Regeln der Übelkeit flachzulegen.
Seine Freundin. Elodie. Sie hat lange, straßenköterbraune Haare, die sie so oft wäscht, wie Thorben duscht. Sie trägt lange Samtröcke, als wäre sie stets auf dem Sprung zu einem Riverdance-Casting. Elodie und Thorben.

Sie haben es überall in der Wohnung getrieben. Auf dem Bett sowieso. Auf der Küchentheke, auf dem Schreibtisch, am Kleiderschrank und dem Boden. Und dort, wo sie es nicht getrieben haben, hat Thorben gesessen. Nackt. Er war immer nackt, wenn er alleine war (wenn er mit Elodie schlief ohnehin).

Ich kann ihn sehen, wie er nackt mit seinem sommergesprossten Hintern auf dem Kunstledersessel sitzt und seine DSDS-Zeitschrift liest. Zwischendurch kratzt er sich am Hintern, weil er, wie schon erwähnt, nicht so wirklich oft duscht.

Wenn Besuch kommt, lasse ich diesen im Sessel sitzen. Die finden den meistens sehr bequem, sie wissen ja auch nichts von Thorben.