Mittwoch, 9. September 2009

Ödön

Ödön von Horváth sagte: "Eigentlich bin ich ganz anders, ich komme nur so selten dazu." und sprach mir damit aus der Seele.

Ich bin nämlich eigentlich auch ganz anders. Oder ich sehe mich eigentlich anders, als ich bin. Oder ich wäre gern anders, als ich bin.

Zum Beispiel wäre ich gerne Weintrinker. Rotweintrinker. Außerdem hätte ich gerne einen Bart. Weil ich gerne ein Mann wäre. Ich glaube ein männlicher Schriftsteller und Künstler wirkt ganz anders als eine Frau. (Man betrachte nur einmal die weiblichen Künstler dieser Welt.. mir fällt spontan keine ein, der ich mich vor Bewunderung vor die Füße werfen möchte.. keine einzige.) Eine Brille würde ich auch als Mann tragen, das gibt dem ganzen so einen intellektuellen Touch. Aber ich würde rauchen. Pfeife denke ich. Oder Zigaretten wie Gauloises, weil's so schön klingt. Und ich hätte auch keine Katze. Obwohl ein struppiger Streuner ja wunderbar zu einem Pfeiferauchenden Schriftsteller passen würde. Und obwohl ich als dieser Mann auch keine sozialen Kontakte (außer zu meinem Lektor) haben werde, da ich ein totaler Misantrop wäre (jetzt bin ich ja nur Semi-Misantropin), würde ich keine Selbstgespräche führen oder grummeligschrullig sein. Ich würde nie älter als 39 werden. Ich hätte keinen Fernseher und würde nur Klassische Musik und Chansons aus den Zwanzigern hören und Madonna nur aus der Kirche kennen. Ich hätte ein Haus am Meer - eigentlich egal welches Meer, nur abgeschieden muss es sein, so dass ich mindestens eine halbe Stunde mit dem Auto (einem alten, klapprigen Jeep aus dem letzten Jahrtausend) bräuchte, um in die nächste Kleinstadt zu kommen.. und Stunden mit dem Zug in die nächste richtige Stadt. Eigentlich ist das Meer doch nicht egal. Der Atlantik soll es sein. Am Besten Schottland. Raues Klima, so dass der Kamin immer flackert und ich abends mit einem Cognakglas und einem guten Buch davor sitze und auf dem Plattenspieler Chopin läuft. Einen Hund hätte ich noch. Einen Wachhund. Einen Pointer oder Riesenschnauzer. Sein Name wäre Bob. Ich würde alte Cordhosen tragen und Westen. Die Hemdsärmel hätte ich hochgekrämpelt. Fliegen und Schlipse besäße ich nicht. Für die Verleihung des Literaturnobelpreises müsste ich mir einen Smoking leihen und ich würde ihn hassen. Ab und an würde ich mir ein abgeschiedenes Häuschen in Griechenland oder Italien mieten, um dort zu schreiben. Bob wäre immer dabei. Frauen fände ich dumm und einfältig. Ich würde noch nicht mal mit ihnen schlafen aus Besorgnis sie könnten anfangen zu reden. Natürlich würde ich auch irgendwann sterben. An etwas trivialem, aber dennoch tragischem, was zum rauen Klima passt, eine Lungenentzündung oder dergleichen. Bob würde am Fussende des Bettes seinen Kopf auf dasselbe legen und mit mir auf das Ende warten, am nächsten Morgen würde man ihn in seinem Körbchen beim Kamin finden. Aus Kummer würde er mir folgen. Ich würde auf meinem Grundstück beerdigt werden, nahe meinen Rosenbeeten unter einer großen Trauerweide. Bob daneben. Aus meinem Häuschen würden sie recht bald ein Museum machen und Streuner, der Kater, würde noch lange darin wohnen.

Ja, so ungefähr wäre es, wenn ich nicht ich, sondern so wäre, wie ich mich gerne hätte. Stattdessen sitze ich frierend am Wannsee und langweile mich langsam und gemächlich zu Tode. Und das ist sicherlich keine tragische Weise um ums Leben zu kommen. Wird sich sehr lächerlich machen in meiner Biographie. "Man fand sie zusammengerollt auf dem Fussboden, der Mund zum Gähnen weit geöffnet. Sie hatte nie die Möglichkeit mit dem Pfeife rauchen anzufangen."