Donnerstag, 18. Dezember 2008

Folter auf germanisch

Es ist Mitte Dezember 2008 und es ist wieder soweit. Ein gutes halbes Jahr hat uns RTL2 verschont und nun ist es wieder da, dieses eigenartige, voyeuristische Format, in dem der Normalbürger sorgfältig selektierten Teilnehmern dabei zuschauen kann, wie sie kochen, quatschen, nackelig duschen und manchmal auch Sex haben. Eine Wonne für das Auge, das Gehör und vor allem das Gehirn.

Big Brother ist wieder da.

Es ist die neunte Staffel inzwischen. Die Deutschen werden offenbar nicht müde diesen Mängelexemplaren aus dem Volk der Dichter und Denker bei ihrem täglichen Gang zum Klo zuzusehen.

Ich stehe dazu, dass ich damals, im Jahr 2000, die erste Staffel gesehen habe. Ich muss Jürgen und Zlatko geradezu dankbar sein, denn vorher war mir nicht bewusst, dass Menschen wie sie überhaupt existierten. Soziologisch gesehen war diese Sendung für mich so etwas wie eine Offenbarung, von der ich noch heute zehre.
Hätte ich aber geahnt, dass RTL2 einen solchen Mangel an quotenbringenden Formaten hat, dass es immer und immer wieder diese meschuggene Kacke aus dem Fernsehzylinder zaubern muss, hätte ich wahrscheinlich schon 2000 die Sendung boykottiert.

Die neue Staffel ist - wie alle davor - natürlich wahnsinnig innovativ und hat sich diesmal den biblischen Beinamen "Himmel und Hölle" zugelegt, was in der Umsetzung nichts anderes heißt, als dass die einen Teilnehmer in einem relativ luxuriösen Ambiente wohnen, während die "Höllenbewohner" (in einer Mischung aus Judo- und Lagerkleidung wandelnd) in einer Luxusversion von Guantanamo hausen.
Dem werten Zuschauer wird also das übliche Spannen mit einer sanften Prise Sadismus versüßt. Nun können wir sage und schreibe ein halbes Jahr lang (!!) den Vorzeigepersönlichkeiten der geistigen, deutschen Elite dabei zusehen, wie sie so tiefschürfende Konversationen führen, wie die folgende:
"Was ist ein Schafott?" fragt da z.B. Cathy, die mit ihrer Brille auf den ersten Blick heimtückisch Intelligenz vorgaukelt. "So'ne Art Guillotine." antwortet der hilfsbereite Daniel. "Boh! Ich werd' hier noch so schlau!" erwidert daraufhin Cathy, ohne zu ahnen, dass die Antwort falsch war.
Schade eigentlich, denn wäre die Antwort richtig gewesen, könnte man dem Programm vielleicht noch unterstellen, es würde unterschwellig Wissen vermitteln.


Dieses und mehr bietet der Kultursender nun seinen treuen Zuschauern aus dem Prekariat und anderen intellektuellen Grenzregionen.

Im Moment haben sich auf der Homepage von Big Brother mehr als 600 Fans angemeldet, die sicherlich jeden Abend ganz jeckisch mit dem Double Whopper in der einen Hand und ihrem Feierabend-Feigling in der anderen darauf warten, dass Miriam Pielhau (hatte die nicht mal einen richtigen Job?) und Alida-was-kann-die-eigentlich? zu den Klängen von Mousse T's Everybody den Feierabend einläuten.

Man kann nur froh sein, dass Reich-Ranicki davon nichts mitbekommt. Denn wie sollte Thomas Gottschalk ihm das nach der Super Nanny und Peter Zwegat noch erklären können?

(Der Schreiber dieses Blogs hat todesmutig eine ganze Sendung am 12.12.2008 gesehen, um dem aufgeklärten Volke Bericht zu erstatten.. viel schlimmer kann es den Journalisten in Kabul und Bagdad auch nicht gehen.)