Samstag, 20. Dezember 2008

Achtung Bildung!

Vor wenigen Tagen hatte ich Karten für Dieter Nuhr und zwar für sein aktuelles Programm "Nuhr die Wahrheit". Ich bin jemand der gerne Kabarett sieht, vom Quatsch Comedy Club über Mitternachtsspitzen bis Scheibenwischer - ich schaue so gut wie alles. Solange es gut ist selbstverständlich.

Als ich da so bei Dieter Nuhr saß und mich amüsierte, musste ich jedoch feststellen, dass mir etwas fehlte. Und ich erkannte folgendes: ich habe die Vermutung, dass Menschen, die sich in ihrer Freizeit mit so etwas wie Kabarett und ähnlichen Dingen befassen, eine Entwicklung durchmachen. Ich nenne das mal die Theorie der geistigen Evolution.

Ich habe damals, ich muss es gestehen, mit Ingo Appelt angefangen. Da war ich vielleicht zwölf und fand einen Erwachsenen, der dauernd ficken und scheiße sagt, natürlich unheimlich provokant und nonkonform. Ich ging dann später zu Michael Mittermaier über und als ich mit 18 seiner quirligen Art ein wenig überdrüssig wurde, fand ich zu Dieter Nuhr. Ich finde Dieter Nuhr heute noch erfrischend und bei liebevollen Versen über islamische Selbstmordattentäter

Die Sonne scheint, der Himmel lacht/
der Jussuf hat sich umgebracht/
Hat sich den Gürtel umgeschnürt/
und ist dann fröhlich detoniert

wurde mein Sarkasmus an jenem Abend mal wieder unmittelbar und ausführlich befriedigt.

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Doch schon während der ersten Viertelstunde seines Programms wurde mir klar, dass ich die nächste Stufe meiner kabarettistischen Evolution schon längst erreicht und Dieter Nuhr hinter mir gelassen hatte. Ein Weg zurück schien nicht mehr möglich. Ich war entwicklungstechnisch gesehen schon längst und völlig ungeplant im politischen Kabarett gelandet. Und zwischen den Lachern bei Nuhr kam mir immer wieder ein Gedanke: "Dieter, das ist sehr spaßig, was du hier machst, aber du bist nicht Pispers...".

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Es ist die gleiche Erfahrung, die ich (und einige meiner Kommilitonen) während des Studiums gemacht habe. Geschichte zu studieren ist ja was feines, nur, wenn man zu den ernsthaften Studenten gehört, die nach dem Studium mit dem Erlernten auch was machen wollen, kommt einmal der Punkt im Leben, an dem man Popcorn mampfend, völlig ahnungs- und sorglos im Kino sitzt, "Die Schwester der Königin" sieht und plötzlich unbewusst aufspringt und wie ein Besessener losbrüllt: "Was'n das für'n Scheiß? Das stimmt doch gar nicht!!"

Ich erinnere mich gut an jenen, verhängnisvollen, schwarzen Abend, an dem ich freudig, um nicht zu sagen euphorisch, ins Kino gegangen war. Der Trailer verhieß soviel Gutes. Ein Film über Heinrich VIII. und Anne Boleyn - wie wundervoll. So können sich wahrscheinlich nur Geschichtfanatiker freuen.. und Eric Bana Fans..

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Aber während Eric Bana Fans bei dem Film auf ihre Kosten kamen, rutschte ich währenddessen nur unruhig auf meinem Sitz hin und her, begleitet von schnaubenden Tönen der Entrüstung. Auf der gesamten Fahrt nach Hause konnte ich mich nur mühsam aufs Fahren konzentrieren, weil ich damit beschäftigt war, wilde Flüche über Philippa Gregory ausgestoßen, auf deren Buch der Film basierte (Furchtbares Weibsstück, das erschossen gehört).

Aber es war zu spät. Man kann einen evolutionären Sprung, auch einen rein intellektuellen, nicht rückgängig machen, so wie man dem Daumen nicht sagen kann Geh wieder weg! Es ist ein Prozess, den jeder Mensch unterschiedlich schnell und unterschiedlich weit durchläuft.

Und nun werde ich nie wieder solche Filme einfach nur so ansehen können. Die Unbeschwertheit des historischen Laien ist dahin. Einmal mit dem Lesen und Bilden angefangen gibt es keinen Weg zurück in den Nebel der Unwissenheit. Nur eine kräftige Demenz oder eine andere Hinrschädigung kann diese Entwicklung wieder rückgängig machen.

Niemand hatte uns gewarnt, als wir den ersten Gang in die Unibibliothek wagten, als wir unseren ersten Stern und Spiegel kauften, als wir das erste Mal Hart aber fair oder Cosmo TV schauten. Und nun ist es zu spät. Wir können nicht zurück.

Adieu, Königreich der Himmel. Adieu, Troja und Gladiator. Und auch Adieu, Mittermaier und Nuhr. Ihr wart wundervolle Gefährten, nun wird es Zeit weiterzuziehen.