Mittwoch, 8. Oktober 2008

Teekannen und Panflöten

Mir wurde heute schon recht früh klar, dass dies nicht mein Tag werden würde. Dabei muss überhaupt nichts herausragend negatives passieren, um so etwas sagen zu können. Es sind diese kleinen Steinchen, die Gott einem munter in den Weg wirft, während man strauchelnd versucht ein Lächeln im Gesicht zu wahren.

Der Tag beginnt damit, dass ich um 8.00h aufstehen muss. Es sei dazu gesagt, ich bin Studentin und, was es noch schlimmer macht, es sind Semesterferien. Auch ohne Semesterferien ist es praktisch ein Kapitalverbrechen von einem Studenten zu verlangen vor 10.00h aufzustehen, aber in den Semesterferien?!
Der Grund war ein Handwerker – gibt es etwas schlimmeres, als wegen einem dummen, schnöden Handwerker mit dreckigen Fingernägeln, verwuschelten Haaren und einem leichten Eau de Nikotin so früh aufstehen zu müssen? Leider hatte dieser Grand maître der intellektuellen Konversation nur am Morgen Zeit und ich wollte nun mal ein neues Rollo! Der Preis war auch annehmbar, wieso also warten? Ha ha, weil es, wie sich nach seiner Ankunft herausstellt, da ein kleines Missverständnis gibt: der Preis war pro Fenster und sowieso ohne Mehrwertsteuer. Mit einer Mischung aus Verärgerung und Trauer sehe ich das neue Rolle langsam am Horizont verschwinden. Die Verärgerung bekommt jedoch die Oberhand und flugs erschlage ich den Rollo-Mann mit meiner Teekanne. Zu meinem Glück wird später der Müll abgeholt, also schmeiße ich die ehemals Taschenbillard-spielende Frohnatur in die Tonne.

Angeekelt von dem Anblick meiner jetzigen Rollos bin ich jedoch gezwungen aus dem Haus zu fliehen, bereit mich den Aufgaben des Tages zu stellen. Doch irgendwie ist der Wurm drin. Bei meiner Ärztin, wo ich nur ein Rezept abholen will, prangert ein höhnisches Bild mit dem Hinweis, dass die Dame im Urlaub sei und erst nächste Woche wieder zurückkehrt. Bei meinem anschließenden Besuch in der Sparkasse gerate ich an eine Auszubildende, die schätzungsweise erst dieses Jahr, also vor etwa zwei Monaten, dort angefangen hat. Sie sagt so fachkompetente Sätze wie „Die lange Nummer ist die Kartennummer, nicht wahr?“ „Nein, dass ist mein Geburtsjahr. Ich komme nämlich aus der Zukunft.“ – Ich finde Auszubildende sind wie ungetestete Medikamente. Warum lässt man die auf den Normalbürger los, wenn sie sich noch nicht als gut bewiesen haben? Stattdessen sind sie langsam, dumm, scheinen selber noch nie eine EC-Karte oder ein Sparbuch in der Hand gehabt zu haben und sicher kiffen sie auch noch.

Kurzerhand schlage ich die Azubine mit meinem Sparbuch nieder und lasse beide am Boden liegen. Es ist eh nur noch ein Euro drauf. Geschenkt! Kauft der Trulla dafür ein neues Gehirn!

Doch meine müßigen Wege sind immer noch nicht vorbei. Als nächstes muss ich in die Unibücherei, wo der Freizeit-Nazi an der Aufsicht mal wieder das Bedürfnis verspürt mich wegen der sich in meinen Ohrmuscheln befindlichen Kopfhörern anzusprechen. Falls ihn einer sucht, er liegt unten im Freihandmagazin gleich bei der Philosophieabteilung.

Mit etwa 37kg Büchern in der Tasche stampfe ich über die Wege beim Hofgarten zurück in die Stadt. Der Hofgarten hat die charmante Eigenschaft, sich in eine schlammige Pfützenhölle zu verwandeln, sobald auch nur einer auf ihn rotzt. Bei Regen (ach, erwähnte ich schon, dass es regnete? Also, es regnete. Die ganze Zeit und in Strömen) kommen einem dort verschwommene Erinnerungen an Phoenix-Reportagen über den Vietnamkrieg...

Überraschenderweise erreiche ich lebend und nur ab dem Torso abwärts völlig durchnässt die Innenstadt, wo ich eine große Kaufhauskette betrete (Kaufhof, Kaufhof!!) wo ich den Erwerb einer Parfümflasche plane. Durch die Abwesenheit des Preisetiketts argwöhnisch geworden, bitte ich eine der zahlreichen, hilfsbereiten, freundlichen Mitarbeiterinnen, denen die Mundwinkeln sicher unfreiwillig nach unten getackert wurden, um Auskunft und erfahre, dass die geldgeilen Kröten den Preis des Produkts meiner Wahl mal eben schwupsdiwups um fast 25% erhöht haben und wahrscheinlich auch noch aus purer Arglist kein neues Preisschild angebracht haben. Das ist Parfüm, meine Damen! Wie erklären Sie mir die plötzliche Wertsteigerung dieses Artikels? Hat man entdeckt, dass man damit Auto fahren kann? Oder versetzt einen der Duft vielleicht in die Lage Wirtschaftskrisen abzuwenden? Anders kann ich mir das nämlich nicht erklären.

Da ich zwar langsam von der Welt genug habe, die Stimme in meinem Kopf aber sagt „Hey, Mensch, leih dir doch noch ein paar Bücher in der Stadtbücherei aus.“ gehorche ich, besorge mir weitere 28kg Bücher, versklave vernünftigerweise auf dem Weg zur Haltestelle ein paar peruanische Panflöten-Spieler (kulturell sind die Diskriminierung ja gewöhnt), damit ich mir wegen der Bücher keinen Bruch hebe, und verkaufe sie, als der Bus kommt, an einen netten Herrn im weißen Anzug und Goldzähnen, der verspricht super gut auf sie aufzupassen.

Zuhause angekommen, stelle ich zufrieden fest, dass der Müll anstandslos abgeholt wurde, und lasse anschließend die Rollos herunter, die mich nach diesem Tag weniger als am Morgen anekeln, entferne letzte Blutstropfen von meiner geliebten und so nützlichen Teekanne, stöpsel das Telefon aus und mache mir frischen Earl Grey.
Mit meiner Kanne bewaffnet mache ich mich an die Frage, was Gott heute über die Leber gelaufen sein muss, das
s er so scheiße drauf war.