Samstag, 20. September 2008

Projekt: Erleuchtung

Es ist tatsächlich vollbracht! Voller Tatendrang stürmte ich gestern den Hörsaal X meiner schönen, preußischen, gelben Universität und übersetzte in rekordverdächtiger und neiderzeugender Zeit die Klausurtexte. Nur einen Nebensatz durchschaute ich nicht in seiner vollen, caesarischen Dimension. Gut, ich habe ihn versemmelt, ordentlich verhunzt, habe ihn rüde vergewaltigt und den chaotischen Wortbrei, der dabei herauskam, ohne die Miene zu verziehen abgegeben. Es waren aber auch verflucht viele Ablative in diesem Nebensatz.

Nun ist es jedoch vorbei und ich gehe recht zuversichtlich und übermütig davon aus diese Klausur bestanden zu haben. Die Klausur, die ich seit genau sechs belastenden Semestern vor mir her geschoben habe. Es ist vorbei.
Und das nun vor mir liegende Wochenende plante ich ursprünglich damit zu verbringen in einem Koma-ähnlichem Zustand zwischen schlafen und (vom Bett aus) fernsehen hin und her zu wechseln. Den Kühlschrank beabsichtigte ich aus zeitsparenden Gründen neben das Bett zu schieben, vielleicht sogar die Tür auszubauen, damit ich sie nicht immer auf und zu machen müsste, wenn ich wahlweise nach einem Schoko-Pudding, einem Schoko-Riegel,
einem Schoko-Zwieback oder gleich nach dem Glas Nutella greifen würde.

Doch nichts dergleichen werde ich machen! Nachdem ich meinen überarbeiteten Gehirnzellen am gestrigen Abend ein wenig triviale Ablenkung in Form eines Kinobesuches gegönnt habe (und, das muss ich an dieser Stelle einfach loswerden, ich nun ein bisschen in James McAvoy verliebt bin), lechzen diese, nun da der Druck der letzten Wochen wie ein Furz im Orkan verschwunden ist, nach neuen Herausforderungen, Aufgaben und Veränderungen!

Und da die Philosophie-Hausarbeit, die seit zwei Monaten nörgelnd und vor sich hin vegetierend in der Ablage liegt, offenbar nicht die Art d
er Betätigung ist, die mein Gehirn sucht, wende ich mich eben von dieser banalen Tätigkeit ab, lasse die Hausarbeit weiter vor sich hinnölen und suche nach etwas Größerem. Eine Hausarbeit schreiben – das mache ich doch zwischen dem Aufstehen und dem Zähne putzen! Meinem Köpfchen dünkt es (mal wieder *stöhn*) nach spiritueller Veränderung.

Und da eine gewisse buddhistische Pagode anscheinend nicht den irdischen Drang verspürt auf meine Anfrage über einen Besuch innerhalb der nächsten Wochen etwas zu erwidern, (die Herren Mönche sind sich wohl zu fein dafür die Emails einer Agnostikerin zu beantworten! Wohl zu sehr mit der Erleuchtung beschäftigt, was? Om mani padme hum DICH SELBST!) werde ich kurzerhand meine Erlösung vom Leiden selbst in die Hand nehmen (denn das Leben kann hin und wieder ja schon ziemlich beschissen sein). Wäre ja gelacht, wenn ich das nicht auch alleine könnte, schließlich besitze ich inzwischen sage und schreibe zehn Bücher über den Buddhismus, die wenn auch grob geschätzt doch ganz sicher den Gesamtbestand der Literatur über dieses Thema ausmachen. Und falls noch Fragen offen bleiben sollten, gibt es ja immer noch das gute, alte Wikipedia. Kurzum meiner eigenen Erleuchtung dürfte damit theoretisch (!) nichts mehr im Wege stehen.
Als erstes werde ich nun das vor mir liegende Wochenende nutzen, um mein kleines, trautes Heim zu gandhieren. „Gandhieren“ ist meine eigene Wortschöpfung, ein Neologismus sozusagen, und abgesehen davon, dass es schon ziemlich cool und gleichzeitig tiefgründig klingt, bedeutet es in etwa, dass ich alles entsorge, was ich nicht wirklich brauche (Bescheidenheit ist also das Motto des Tages).

Als unschuldiges Opfer des westeuropäischen, kapitalistischen Systems besitze ich nun allerdings so dermaßen viel Krimskrams, Nippes und, nennen wir es doch beim Namen, Scheiß, dass ich dazu wahrscheinlich auch wirklich das ganze Wochenende brauchen werde.

Mit dem Meditieren und dem restlichen Kram werde ich dann am Montag anfangen. Man soll ja auch nicht übertreiben. Ich lebe schließlich seit einem Vierteljahrhundert in dieser herzlosen, materialistischen Welt – und sie ist mir doch ziemlich ans Herz gewachsen.